Der Tag, an dem ich Spießer wurde.

Nachdem ich schon vor über einem Jahr festgestellt habe, dass ich alt geworden bin, musste ich nun zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass ich spießig geworden bin.

Unser Nachbar feierte gestern im Hof seinen dreißigsten Geburtstag, und natürlich geht es bei sowas manchmal etwas lauter zu. Natürlich hört man manchmal bis nachts um 5 lauten Hiphop mit dröhnendem Bass im Hof. Und natürlich sind die Nachbarn, die nicht clever genug waren, ihre Schlafzimmer vorne raus zur Karli zu platzieren, vollkommen selbst schuld.

Deswegen kann ich auch in keiner Form rechtfertigen, warum ich, Spießbürgerin die ich bin, um 4 Uhr ernsthaft runter ging, um (sehr freundschaftlich) zu fragen, ob sie nicht leiser machen könnten. Zum Glück befreiten mich meine Nachbarn von meinem bourgeoisen Schlafbedürfnis und klärten mich, wild auf mich einredend, über Folgendes auf:

  • Wer länger im Haus wohnt, hat mehr Rechte, als jemand, der gerade erst eingezogen ist
  • Demokratie bedeutet, dass es asozial ist, wenn 2 Leute sich beschweren, weil 20 Leute sie vom Schlafen abhalten
  • Dass in unserem Haus Familien mit kleinen Kindern wohnen, die sich nicht beschweren, ist eine gute Rechtfertigung, jede Beschwerde zu ignorieren
  • Bertolt Brecht hat „Der Steppenwolf“ geschrieben (der Gastgeber versuchte, mir mit Freestyle-Rap klar zu machen, was es bedeutet, seinen dreißigsten Geburtstag zu feiern)

Vor einer solch brillianten Logik, solch einer tiefschürfenden Ethik und diesem geballtem literarischen Wissen musste ich meinen Hut ziehen. Hätten sie dann noch tatsächlich Mr. Spock zitiert („Das Wohl vieler ist wichtiger als das Wohl einiger, oder eines Einzelnen“), wäre ich gar vor Ehrfurcht erschaudert und hätte tatsächlich einen Schluck aus der Flasche Wodka genommen, die mir ständig unter die Nase gehalten wurde (unter der Bedingung, dass ich sicher gewusst hätte, dass der Wodka vegan ist).

Nicht ganz so respektabel fand ich es, dass man mir zunächst mitteilte, dass ich mich ausziehen müsste, bevor ich irgendwas sagen dürfte. Vielleicht bin ich auch einfach zu empfindlich, was Sexismus angeht. Ich bedanke mich auch für die Belehrung, dass es in Deutschland im Gegensatz zu China kein autoritäres Regime gibt („Sag mal, weißt du eigentlich, was Demokratie ist?“). Meine Bemerkung, dass ich aus Deutschland kommen würde, wurde quittiert mit den Worten „Siehst aber nicht so aus“ – gut, dass man mich manchmal daran erinnert. Man vergisst das so schnell und baut dann die Erwartung auf, wie ein Mensch behandelt zu werden.

Sarkasmus beiseite, die Nacht, beziehungsweise der frühe Morgen wurde dann tatsächlich irgendwie noch ganz unterhaltsam, als sich mein Freund (a.k.a. Master of Deeskalation und gewaltfreie Kommunikation) heldenhaft der Sache annahm. Der Gastgeber fragten ihn, wann er denn 30 werden würde. Aus der Angabe „in zwei Jahren“ ergab sich folgender Dialog, den ich belauschen konnte:

Partygast (PG) 1, schnippisch: „Pah, der ist erst 27!“ – PG 2, verwirrt: „Nee Mann, ich glaub, der ist schon 28“ – PG 3, verwirrter: „Was? Nee, 27.“

Außerdem habe ich das erste Mal gehört, wie jemand ernsthaft das Wort Kunde als Beleidigung verwendet. Interessant: Kunde ist Rotwelsch für Landstreicher und war namensstiftend für eine DDR-Jugendkultur. Nicht, dass ich Anspruch auf semantisch korrekte Beleidigungen erheben würde, aber ich wüsste gerne mehr über die Etymologie dieser kontraintuitiven Beleidigung.

Dann wurde meinem Freund vorgeworfen, dass er aus Frankfurt kommen würde („Das ist der Grund, warum hier die Mieten so hoch gehen!“). Erneut, ich erhebe keinen Anspruch auf semantisch korrekte Beleidigungen, und ich weiß noch nicht mal, ob „Boah ey, du kommst doch aus Frankfurt“ überhaupt als Beleidigung zählt, aber mein Freund kommt aus Halle und das hört man auch, wenn er redet.

Wie könnte ich diesen Menschen, die so zu meiner Erheiterung beigetragen haben, ernsthaft böse sein? Und sind schon 4 Stunden geraubter Schlaf im Austausch gegen zwei neue erlernte Beleidigungen und gegen die Erfahrung, dass man auch bei coolen, lockeren und total unspießigen jungen Leuten lieber keine Frau mit Migrationshintergrund sein sollte, wenn man ernst genommen werden möchte?

Wir haben uns direkt entschieden, im Wohnzimmer Rollos anzubringen. Wenn die nächste Sause steigt, schlafen wir dann dort.

Und wenn mein Freund dann (in zwei oder drei Jahren) dreißig wird, laden wir all unsere Freunde aus China und Frankfurt ein und feiern eine antidemokratische Hofparty mit Champagner und Kaviar. Leider werden dann unsere Nachbarn gar nicht mehr hier wohnen, weil mein Freund und ich bis dorthin höchstpersönlich die Miete über die Schmerzgrenze getrieben haben werden.

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7 Antworten zu Der Tag, an dem ich Spießer wurde.

  1. Christian Franik schreibt:

    Der Himmel währt ewig, und die Erde dauert. Was aber macht, daß Himmel und Erde vermögen zu wehren, zu dauern ? Weil sie nicht selber leben, darum vermögen sie, ewig zu leben.

    Deshalb der heilige Mensch:
    Er setzt zurück sein Selbst –
    Und es wird vorne sein;
    Er treibt hinaus sein Selbst –
    Und sein Selbst tritt ein.

    Ist das nicht, weil er ohne Eigennutz ?
    Darum vermag er, sein Eigen zu vollenden.

    Lao-tse, Tao-Tê-King, Kapitel 7

  2. marlastromponsky schreibt:

    Ich lache Tränen. Mit der total liberalen Kommune nebenan durchlebe ich ähnliches. Auch da scheint es mein Pech zu sein, dass mein Garten zum Hinterhof hinausgeht und mein Pech dass ich nicht an Turbofolk-Session bis in die Morgenstunden partzipieren möchte. Außerdem sind sie gegen Gentrifizierung( „Wir haben gerne mitgemacht, aber jetzt ist einfach zuviel), dass sie die Wurzel allen Übels sind, dämmert ihnen dabei nicht.
    Sehr unerquicklich sind die von dir erfahrenen Bemerkungen über dein Geschlecht und deinen Migrationshintergrund – spricht bände über den anwesenden Intellekt.

    • juliarohrer schreibt:

      Ein gutes Gefühl, dass es Mitleidende gibt! Aber wenn die im Plenum entschlossen haben, dass ab sofort bis 6 Uhr nur noch Turbofolk läuft, dann wirst du dich als wahre Demokratin wohl beugen müssen…Oder [Zitat]: „Bist selbst Schuld, wenn du hier nach Leipzig gezogen bist!“ Vielleicht sollten wir beide „zurück“ nach Frankfurt.

  3. In Reudnitz würde spätestens um eins die Polizei vor der Tür stehen. Bei meiner Geburtstagsfeier im Hof war das sogar schon um 22.15 der Fall.
    Allerdings kommt einem da keiner mit Pseudodemokratie, Rassismus oder Sexismus sondern mit einem diskriminierungsfreien „Halt die Schnauze du Arschloch und mach die verdammte Musik aus, ich will schlafen!“

    • juliarohrer schreibt:

      22:15? Wer will denn um die Uhrzeit schlafen? Na gut, Kinder vielleicht, aber ich hoffe, ihr wolltet nicht reinfeiern…
      Danke für den Spruch, den merk ich mir für’s nächste Mal! Vielleicht klappt das besser.

    • le.x. schreibt:

      Manche haben eben keinerlei Hemmungen sofort die Polizei anzurufen an statt mit den Feiernden ins Gespräch zu kommen (manchmal wünscht ich, ich könnte das auch), das hängt garantiert nicht vom Stadtteil ab. – btw. schöner Artikel – ich kann ebenfalls mitfühlen das alternative Hinterhaus bei uns nebenan ist ähnlich drauf, denken sich – wir sagen einfach per Handzettel bescheid, gebe Hinweise das man kleinen Kindern (!!) Oropax geben könnte usw. oder einfach mal woanders schlafen sollte – und dann feiern mit ordentlichen bässen bis früh um acht – als ob das so einfach wäre …. und dann die regelmäßigen Lagerfeuer mit dreckig, nicht ausgetrocknetem Holz, so dass man im ganzen Viertel den Qualm ertragen muss und bei geschlossen Fenstern schlafen darf – Die oft so alternativen ökologisch bewusst Lebenden nehmen selten Rücksicht auf ihre Umgebung und fühlen sich dann noch im Recht (weil Zettel und so), vllt. sollten sie erst einmal dran denken wie das Umfeld damit leben muss.

      • juliarohrer schreibt:

        Okay, das mit den Oropax ist ja mal wirklich dreist. Nicht malauf Kinder Rücksicht geben ist einfach unterste Schiene.
        Aber ich kann dir garantieren, dass die bei uns im Hinterhof weniger die Ökologisch-Alternativen und mehr die Massentierhaltungsbratwurstessenden-Dosenbiertrinkenden-Nazisprügelnden-Retroautosfahrenden-Alternativen waren. Wären die Ökos gewesen, hätte man ihnen bestimmt erklären können, wie disruptiv ihr Lärm für die reichhaltige Leipziger Fauna ist…

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