Das intelligentere Geschlecht

Hand auf’s Herz, frei von der Leber weg, bitte aus dem Bauch heraus antworten: Wer ist im Durchschnitt intelligenter, Männer oder Frauen? Bitte wähle deine Antwort:

  • a) Männer sind schlauer
  • b) Frauen sind schlauer
  • c) Jemand, der diese Frage für bedeutsam hält, kann selbst nicht besonders smart sein

Und jetzt zur Auflösung!

  • Du hast a) geantwortet? Herzlichen Glückwunsch! Empirische Forschung bestätigt, dass Männer im Schnitt intelligenter sind als Frauen.
  • Du hast b) geantwortet? Herzlichen Glückwunsch! Empirische Forschung bestätigt, dass Frauen im Schnitt intelligenter sind als Männer.
  • Du hast c) geantwortet? Herzlichen Glückwunsch, vielleicht hast du ebenso Recht.

Blendet man mal konsequent die Überlegung aus, ob ein Unterschied um einige wenige Punkte im IQ-Test tatsächlich irgendetwas für die Realität (im Sinne von „Welt außerhalb des psychologischen Labors“) bedeutet, bleibt trotz allem die Frage, wer denn nun besser in IQ-Tests abschneidet.

Es gibt Forscher, die behaupten, dass Frauen im Schnitt weniger intelligent wären. Bestimmt freut das einige Leute, nämlich die, die der Meinung sind, dass wir mutige Menschen brauchen, die es sich trauen, wider der Political Correctness mal die Wahrheit auszusprechen, auch wenn es den EmanzInnen ja so gar nicht passt.

Dann gibt es aber auch ForscherInnen wie James Flynn, die behaupten, dass inzwischen die Frauen die Männer überholt hätten, da ihre anspruchsvolle Lebensführung zwischen Familie und Beruf sie stärker herausfordern würde. Flynn ist vor allem bekannt für die Entdeckung des Flynn-Effekts, der besagt, dass die Intelligenz über die Generationen hinweg langsam ansteigt (nachzulesen z.B. hier auf Seite 6).

Und da aller Guten Dinge drei sind gibt es dann noch die Hypothese, dass sich in erster Linie die Verteilung unterscheidet: Am oberen Ende der Intelligenzskala gibt es mehr Männer als Frauen – am unteren aber auch. Auch wenn ich kein Fan von anekdotischer Evidenz bin, würde ich aus meiner persönlichen Erfahrung zumindest 50% der Aussage zustimmen, aber das nur rein subjektiv am Rande.

An dieser Stelle möchte ich mir gerne die „Evidenz“ für Antwort a) vorknöpfen. Richard Lynn und Satoshi Kanazawa haben 2011 ein Paper veröffentlicht, indem sie die Intelligenzentwicklung von Mädchen und Jungs von 7 bis 16 Jahren verfolgen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass mit 7 und 11 die Mädchen intelligenter sind, mit 16 dann aber die Jungs. Als Erklärung für die frühere Reifung von Mädchen führen sie an, dass in einer polygamen Gesellschaft (ein Mann – mehrere Frauen) durch eine möglichst frühe Geschlechtsreife und damit Fortpflanzung der Frauen der Reproduktionserfolg steigt. Alternativ könnte noch die schneller tickende biologische Uhr den Druck auf Frauen erhöhen, schneller geschlechtsreif zu werden.

Ad hominem könnte ich jetzt anführen, dass sowohl Herr Lynn als auch Herr Kanazawa nicht unumstritten sind und auch bekannt für Aussagen zum Thema Intelligenz und Rasse die man als, na ja, rassistisch bezeichnen könnte. Aber natürlich kann man daraus nicht auf die Qualität ihrer sonstigen Forschung schließen und natürlich braucht ja jede Wahrheit auch einen Mutigen, der sie ausspricht, selbst wenn das bedeutet, dass man die Menschen weltweit nach Intelligenz ordnet (Juden > Ostasiaten > Europäer > Afrikaner).

Aber das ist hier gar nicht mein Anliegen, was für mich hier nämlich relevant ist, ist die Tatsache, dass sie in diesem Paper den Datensatz verwenden, mit dem ich selbst seit Februar arbeite. Es handelt sich um die britische National Child Development Study. Wenn man dem Paper von Lynn und Kanazawa Glauben schenkt, dann wurde bei den Kindern jeweils im Alter von 7, 11 und 16 Jahren der IQ erhoben. Immerhin sind dass ja dann die Werte, anhand der sie die Mädchen und die Jungs vergleichen.

Das Problem ist jetzt bloß, dass in dieser Studie kein IQ erhoben wurde, und schon gar nicht zu drei Zeitpunkten.

Im Alter von 7 Jahren mussten die Kinder geometrische Formen abzeichnen, ein Männchen malen (Punkte gibt es da für Vollständigkeit), Matheaufgaben lösen und einen Lesetest absolvieren. Mit 11 gab es nochmal die gleichen Tests, zusätzlich kam ein General Ability Test hinzu, der noch am ehesten modernen IQ-Test-Aufgaben enstpricht. Mit 16 gab es einen Lesetest und einen Mathetest.

Daraus kann man zwar jeweils so etwas wie ein globales Leistungsmaß berechnen, bloß stellt sich dann zweifelsohne die Frage, was eigentlich gemessen wird – Schulleistung oder IQ? Oder irgendwas ganz anderes, denn der Test, wo Formen abgemalt werden sollte, hängt irgendwie so gar nicht mit den anderen zusammen. Und auch wenn Schulleistung und Intelligenz korrelieren, sind sie trotzdem nicht das gleiche. Deswegen haben wir uns für unser Forschungsprojekt, bei dem die Intelligenz nur eine Nebenrolle spielt, entschlossen, ausschließlich die Ergebnisse des General Ability Tests mit 11 zu verwenden (bei dem die Mädchen etwas besser abgeschnitten haben).

Wenn man die Tests auseinanderdröselt, wird auch klar, wie Kanazawa und Lynn zu dem Ergebnis kamen, dass die 16-jährigen Jungs „klüger“ wären als die 16-jährigen Mädchen. Ihr „IQ“ für das Alter 16 stützt sich auf einen Lesetest, bei dem es keine Geschlechtsunterschied gab, und einen Mathetest, bei dem die Jungs besser abgeschnitten haben. Dass nun aber die Mädchen schlechter in Mathe waren, muss nicht unbedingt heißen, dass sie dümmer waren. Hausaufgabe: Überlegt euch, woran es noch liegen könnte, dass bei einem Mathetest vor fast 40 Jahren die Jungs ein besseres Ergebnis hatten als die Mädchen.

Die Frage wäre, was wir jetzt aus all dem lernen können. Vielleicht, dass die internen Kontrollprozesse bei psychologischen Fachzeitschriften nicht besonders gut funktionieren können, wenn ein methodisch unzulängliches Paper publiziert werden kann. Vielleicht auch, dass man in großen Datensätze Belege für alle möglichen abstrusen Theorien finden kann, wenn man bloß will. Dann wäre es zumindest trostspendend, dass man auch aus den Daten heraus diese widerlegen kann, was aber natürlich voraussetzt, dass man zufälligerweise gerade den Datensatz auf seinem Rechner hat.

Zuletzt aber noch, und das ist eine nettere Take-Home-Message: Intelligente Menschen dürfen und sollten „empirische Evidenz“, dass irgendeine Gruppe intelligenter ist als eine andere, erstmal anzweifeln. Den auch den Forschern, die ja bestimmt allesamt intelligent sind, kann es mal passieren, dass sie ziemlichen Unsinn rechnen.

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