Vielleicht später

Vor zweieinhalb Jahren habe ich in einem Artikel zum Thema Prokrastination behauptet, dass Prokrastination ein „relativ gut erforschtes Phänomen“ wäre. Nach intensiver Literaturrecherche, die rein gar nichts damit zu tun hat, dass demnächst Prüfungen anstehen, muss ich diese Behauptung revidieren.

Inzwischen wissen wir, dass ungefähr ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung prokrastiniert. Diese niedrige Zahl hat zumindest mich überrascht. Allerdings „relativiert“ sich das, wenn man beachtet, dass angeblich 70% der Studierenden prokrastinieren und knapp die Hälfte andauernd mit daraus resultierenden Problemen. Angeblich prokrastinieren Studierende etwa ein Drittel ihrer täglichen Aktivitäten hindurch, vor allem indem sie schlafen, lesen oder Fernsehen schauen. Ob bloggen auch darunter fällt, ist mir nicht bekannt. Da ist es kein Wunder, dass die Uni Münster eine Prokrastinationsambulanz eingerichtet hat: Ausgeprägtes Aufschieben kann durch seine negativen Folgen zu einer ernsthaften Beeinträchtigung der Lebensqualität führen und kann zugleich auch Ausdruck von anderen psychischen Problemen sein. Wer jetzt ein bisschen verängstigt ist, kann nach einer kurzen Anmeldung auf PsyWeb einen Fragebogen zum Thema ausfüllen und bekommt Feedback zum Schweregrad.

Von der klinischen Relevanz abgesehen ist Prokrastination als das irrationale, freiwillige Aufschieben von bedeutsamen Aufgaben im Bewusstsein potentieller negativer Konsequenzen in erster Linie unangenehm – es fühlt sich einfach schlecht an. Warum tun wir es dann?

Eine Forschungsansatz untersucht Prokrastination, beziehungsweise die Neigung zu solchem Verhalten, als halbwegs stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Dann lassen sich Zusammenhänge zu anderen Charakterzügen untersuchen: Beispielsweise tritt Prokrastination häufig bei wenig gewissenhaften und emotional weniger stabilen Personen auf. Auch Perfektionismus und ein niedriger Selbstwert sollen damit assoziiert sein. Natürlich gibt uns das keine kausale Auskunft darüber, wie das alles zusammenhängt: Prokrastinieren wir vielleicht, weil unser Selbstwert so gering ist, oder sinkt unser Selbstwert infolge von Prokrastination und entsprechenden Misserfolgserlebnissen? Immerhin, ob wir aufschieben oder nicht sagt nichts über unsere Intelligenz aus.

Für eine tatsächliche Erklärung des Prokrastinierens lohnt sich ein Blick in Motivations- und Volitions-Psychologie. Letztere untersucht, wie wir mithilfe unseres Willens Barrieren überwinden können. Ob wir eine Aufgabe gleich erledigen oder erstmal ruhen lassen, hängt von unserer Motivation für die Sache ab.

Sind wir intrinsisch motiviert und würden die Aufgabe glatt um ihrer selbst Willen erledigen, erledigen wir sie schneller. Das ist irgendwie ziemlich banal, aber so ist die Psychologie halt manchmal. Auch Aktivitäten, die uns zu einem Flow-Erlebnis verhelfen können, werden selten Opfer der Prokrastination, wer hätte das gedacht. Und wenn wir selbstbestimmt Handeln, sinkt das Aufschieben ebenfalls.

Eine nette Formel liefert die moderne Motivationspsychologie: Motivation = (Erwartung mal Wert) geteilt durch (Impulsivität mal Verzögerung). Erwartung bezieht sich auf unsere Einschätzung, wie wahrscheinlich der Erfolg der Handlung ist, dem wir einen gewissen Nutzen (Wert) zuschreiben. Verzögerung ist die Zeit, die es dauert, bis wir tatsächlichen den Nutzen verspüren. Beispielsweise könnte man mit dieser Formel erklären, warum am Anfang vom Semester weniger gelernt ist: Das Outcome der unangenehmen Handlung ist viel weiter weg, die Verzögerung also größer. Das senkt die Motivation. Okay, das ist vielleicht auch wieder banal, aber solche Formeln machen die Sache ein bisschen systematischer.

Um bei Prokrastination zu intervenieren, gibt es hauptsächlich zwei Ansätze. Die eine Art von Intervention zielt vor allem auf das Selbstmanagement ab – also das selbstständige Aufstellen von Zeitplänen, die Aneignung von Lernstrategien und die gezielte Selbstmotivation. Die Fernuni in Hagen beispielsweise hat ein besonderes Interesse daran, ihre Studierende unter erschwerten Bedingungen bei der Stange zu halten, und bietet etwas konkreteres Onlinefeedback mit praktischen Tipps zur Regulierung der Willensstärke (dauert ca. 10-15 Minuten, falls ich gerade irgendwen vom Lernen abhalte). Die andere Art versucht eher, negative Gedanken und Gefühle, die blockierend wirken können, zu verringern – aber letztlich sind die meisten Interventionen nicht anständig evaluiert, soll heißen: So richtig weiß man noch nicht, was wirklich wirkt.

Von der Fernuni Hagen habe ich gerade den Tipp bekommen, mir vorzustellen, was für negative Konsequenzen es hat, wenn ich mit meinen Lernzielen scheiter. Jetzt muss ich wohl ängstlich weiterprokrastinieren.

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