Huren vs. Heilige

Laut einer Emnid-Umfrage fordern 90% der Befragten, dass Brüderle sich bei der Journalistin entschuldigt, der gegenüber er sich 2012 anzüglich verhalten haben soll. Auf Twitter  geben unter #aufschrei nun Frauen und Männer ihrem Unmut über den Sexismus in unserem Alltag Raum. Standesgemäß sollte ich jetzt eigentlich auch über den Sexismus, der selbst im 21. Jahrhundert noch unser Leben durchzieht, bloggen – nur leider (oder: zum Glück) gibt es schon zahlreiche Engagierte, die das sehr viel besser können als ich, mit mehr Hintergrundwissen und auch einem größeren persönlichen Erfahrungsschatz. Also möchte ich hier über etwas schreiben, über was sonst weniger geschrieben wird: Nämlich den Zusammenhang von Sexismus mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen.

2012 kamen amerikanische Forscher, nach der Befragung von 403 heterosexuellen Männer, zu dem Schluss, dass Sexisten beziehungsgestört sind.*

Nun. Vielleicht ist es tatsächlich eines der zentralen Probleme der Psychologie, dass sie entweder unsere Vorurteile bestätigt (und damit keine neuen Erkenntnisse liefert) oder, dass sie ihnen widerspricht, was uns dann zwangsweise an ihr zweifeln lässt. Stellen wir uns vor, die Forscher wären zu dem Ergebnis gekommen, dass Sexisten stabilere, gesunde Beziehungen hätten – wir müssten ernsthaft daran Zweifeln, ob dass, was sie da untersucht haben, in irgendeiner Form mit der Realität zu tun hat. Denn dass bindungsgestörte Männer auch häufig generell krude Ansichten über Frauen haben, dafür liefert Alltag ausreichend anekdotische Beweise.

Vielleicht hat die Psychologie aber auch einfach nur ein bisschen ein Imageproblem, weil zu viele Ergebnisse von Studien, die zugegebenermaßen nicht immer 100% methodisch sauber durchgeführt wurden, zu stark vereinfacht in zu vielen Medien auftauchen – gerne in Frauenzeitschriften, häufig aber auch in den Wissenschaftsteilen großer Zeitungen. Machen wir es hier doch mal anders!

Die Forscher ließen die Probanden online eine ganze Batterie von Fragebögen ausfüllen – zum Beispiel zum Bindungsstil („The Experiences in Close Relationsships scale“ – Beispielitem: „Häufig wünsche ich mir, dass die Gefühle meines Partners so stark wären wie meine“), zu sexistischen Einstellungen (z.B. „Frauen versuchen, durch Kontrolle über Männer Macht zu gewinnen“ oder auch „Frauen sollten von Männern geschätzt und beschützt werden“) und zu Romantik („Romantic Beliefs Scale“, Beispielitem: „Die Beziehung mit meiner ‚wahren Liebe‘ wird nahezu perfekt sein“).

Danach wurde ein sogenanntes Strukturgleichungsmodell aufgestellt, um herauszufinden, wie die erhobenen Merkmale in der Stichprobe zusammenhängen. Dahinter steckt eine ganze Menge zugegebenermaßen unromantische Statistik, aber am Ende hat man dann ein relativ anschauliches Ergebnis, nämlich sowas: [*]

Sexism

Was hat das jetzt zu bedeuten? In den Kreisen stehen jeweils die erhobenen Merkmale, die Pfeile und die Zahlen daran geben Aufschluss, über die Stärke des Zusammenhangs zwischen den Merkmalen. Was uns jetzt eigentlich interessiert, sind die beiden Kreise links (Anxiety und Avoidance) und die beiden Kreise rechts (Benevolent Sexism und Hostile Sexism).

Anxiety, Ängstlichkeit, und Avoidance, Vermeidung, beschreiben beide den Bindungsstil einer Person. Der Bindungsstil bestimmt, wie Menschen sich einander annähern, was sie in Beziehungen ganz generell erwarten und auch welche Einstellungen sie zur romantischen Liebe haben. Personen mit einem eher ängstlichen Bindungsstil wissen enge Beziehungen sehr zu schätzen, haben gleichzeitig jedoch Angst, abgewiesen oder verlassen zu werden. Eine Person mit einem eher vermeidenden Bindungsstil erwarten, dass andere Menschen eher kalt sind und sich nicht um andere kümmern, ihre Sicht auf die romantische Liebe ist zynisch. Im Idealfall wünscht man sich eigentlich einen Partner mit stabilem Bindungsstil – jemand, der sich auf Intimität einlässt, ohne permanent Angst zu haben, verlassen zu werden, und vor allem, ohne zu klammern.

Dem gegenüber stehen nun Benevolent und Hostile Sexism, also wohlwollender und feindseliger Sexismus. Sexismus in zwei getrennte Phänomene zu unterteilen, die relativ unabhängig voneinander auftreten können, hat sich empirisch bewährt. „Wohlwollender“ Sexismus überhöht die Frauen zu schützenswerten, fragilen, reinen Wesen. „Feindseliger“ Sexismus betrachtet Frauen als manipulative, bösartige Gegnerinnen im „Kampf der Geschlechter“. Natürlich ergänzen sich die beiden Formen: Wohlwollend werden Frauen belohnt, die sich in bestehende Machtverhältnisse einordnen, Feindseligkeit trifft die, welche an der Gesellschaftsstruktur kratzen. Wohlgemerkt zählt beides als Sexismus. Nach dieser Definition darf man dann getrost die Mehrheit Hollywoodfilme als sexistisch betrachten.

Betrachtet man nun, in welcher Form Bindungsstile und Sexismus zusammenhängen, ergeben sich verschiedene Zusammenhänge.

Männer vom Bindungsstil vermeidend zeigen mehr feindlichen Sexismus und weniger wohlwollenden. Das macht durchaus Sinn: Die Annahme, dass andere Menschen kalt und egoistisch sind, lässt sich schlecht mit einer Idealisierung von Frauen unter einen Hut bringen, wohl aber mit der Sicht, dass alle Frauen fiese Hexen sind. Beide Effekte werden aber mediiert, das heißt, die Verbindung ist nicht direkt, sondern über weitere Größen geregelt. Der vermeidende Bindungsstil korreliert negativ mit Romantik – diese Männer glauben also weniger an die eine „wahre Liebe“ oder „Liebe auf den ersten Blick“. Romantik hängt aber positiv mit wohlwollendem Sexismus zusammen – Romantiker machen aus Frauen perfekte, absolut liebenswerte Geschöpfe. Gleichzeitig haben Männer vom Beziehungstyp vermeidend höher Werte Skalen zur Messung der Orientierung an sozialer Dominanz – in ihrer Weltsicht geht es stets um Wettstreit, sie streben nach Macht und betonen die Hierarchien zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen. Diese Orientierung hängt sehr stark mit feindseligem Sexismus zusammen.

Männer vom Bindungstyp ängstlich hingegen zeigten sich als besonders starke Romantiker – und dadurch wiederum überhöhten sie Frauen stärker und zeigten sich als wohlwollende Sexisten. Gleichzeitig tendierten sie aber auch zu feindseligem Sexismus. Das sich wohlwollender und feindseliger Sexismus gut unter einen Hut bringen lassen, zeigt die klassische Differenzierung von Frauen in die Kategorien „Heilige“ und „Huren“.

Was denn jetzt zuerst da war – Bindungsschwierigkeiten oder Sexismus – das kann die Analyse freilich nicht beantworten; erst recht nicht, wenn die betroffenen Männer nur ein einziges Mal befragt wurden. Es ist also durchaus denkbar, dass heterosexuelle Männer mit sexistischen Einstellungen aufgrund dieser andere Erfahrungen in Beziehungen gemacht haben. In der Entwicklungspsychologie geht man gerne davon aus, dass sich der Bindungsstil schon im frühen Kindesalter entwickelt, aus dieser Perspektive wäre es also wahrscheinlicher, dass Bindungsprobleme zu sexistischen Einstellungen führen.  Und natürlich sind noch ganz andere Erklärungen denkbar, zum Beispiel, dass sowohl Sexismus als auch Bindungsstil direkt durch die Erziehung durch die Eltern vermittelt werden. Das ist mitunter das frustrierende an der Psychologie: Nur weil man irgendwelche Zusammenhänge gefunden hat, hat man längst noch nicht irgendwelche Kausalketten bewiesen. Und selbstverständlich wurden in dieser Studie nur heterosexuelle Männer aus den USA mit Internetzugang befragt, so dass Generalisierungen nicht per se angebracht sind.

Dafür bekommt man einen interessanten Einblick in die Komplexität diverser Alltagsphänomene, die sich eigentlich schlecht in ein paar hundert oder tausend Zeichen pressen lassen. Brüderles Äußerungen, unter anderem, dass Frauen weniger Alkohol vertrügen als Männer aufgrund des höheren „Fettgehalts“, der ja gerade ihren Reiz ausmachen würde, fallen tendenziell eher in die Kategorie wohlwollender Sexismus respektive pubertäre Erotisierung („Ey, guck mal, der Euter. Der hängt ganz schön. Das ist Körbchengröße 90 L.“) Daraus kann man natürlich noch nicht schlußfolgern, dass er einen unsicher-ängstlichen Bindungsstil hätte, aber wohl, dass er nicht ganz so reif ist, wie man es sich von einem Fraktionsvorsitzenden wünschen würde. Vielleicht könnte man mal eine Studie zur Persönlichkeitsreife bei Politikern machen. Hm.

 

He Loves Her, He Loves Her Not: Attachment Style As a Personality Antecedent to Men’s Ambivalent

 

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Eine Antwort zu Huren vs. Heilige

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