Weise Worte

Ich werde alt.

Diesen Blogeintrag würde ich gerne mit der Anekdote beginnen, wie ich am Morgen meines 22. Geburtstags zerknautscht ins Bad geschlurft bin und im Spiegel zu meinem Entsetzen die ersten Falten, respektive das erste graue Haar, entdeckt habe.

Natürlich war dem nicht so. Zunächst einmal konnte ich mich im Spiegel nicht richtig erkennen, weil ich meine Brille verlegt hatte. Außerdem wäre es überflüssig, nach Falten und grauen Haaren zu suchen: Die Falten habe ich schon dank der mörderischen UV-Strahlung in Thailand, die grauen Haare werde ich so bald nicht bekommen dank gnädiger Gene zu beiden Seiten.

Stattdessen also stand ich um sieben nach zu wenig Schlaf zerknautscht auf, schlurfte an meinen Tisch und versuchte, einen Origami-Yoda zu falten. Kommentare zur senilen Bettflucht bitte an dieser Stelle verkneifen. Zu merkwürdigen Freizeitbeschäftigungen auch.

22 Jahre – das erscheint mir wie eine magische Grenze. Genauso wie 16 (man darf Bier trinken), 17 (man ist nicht mehr 16 aber noch nicht 18), 18 (man ist endlich 18), 19 (man ist schon nicht mehr gerade erst 18), 20 (neue Zehnerstelle!) und 21 (noch volljähriger als volljährig). 22 nun ist schon die zweite Schnapszahl in meiner Chronik, 23, wow, das ist ja dann schon richtig alt, und an 24 will ich gar nicht denken.

Ich bin in dem Alter angelangt, in dem man ziemlich lang nachdenken muss, wenn man nach dem Alter gefragt wird.

An dieser Stelle kann man nun platte Floskeln à la „Frauen sind wie gute Weine, sie müssen reifen“  oder „Mit dem Alter kommt die Weisheit“ einstreuen. Der IQ ist im Erwachsenenalter aber weitestgehend stabil und die Getränke meiner Wahl – Sojamilch und Bier – werden bestimmt nicht besser, wenn man sie lagert.

Bei solchen emotionalen Themen wie dem Altern lohnt sich mal eine rationale Perspektive:

  1. Zeiten, in denen wir viele neue Erfahrungen machen, scheinen, wenn wir uns in ihnen befinden, geradezu an uns vorbei zu rauschen. Interessante Gespräche kommen uns währenddessen immer viel zu kurz vor. In der Rückschau jedoch erscheinen uns gerade diese Perioden besonders lang, weil wir so viele Informationen mit ihnen verbinden. Im Alter macht man zwangsweise weniger tiefschürfende neue Erfahrungen im Stile von „Das erste Mal aufrecht auf zwei Beinen stehen“ oder „Das erste Buch selbst lesen können“ – deswegen erscheint uns im Rückblick das gesamte letzte Jahr kürzer als ein besonders schöner Tag, beispielsweise ein Geburtstag, in unserer Kindheit.
  2. Zeit nimmt man nicht absolut wahr, sondern in Relation zur bisherigen Lebensspanne. Je länger man schon auf der Welt ist, desto kürzer wird jeder einzelne Tag – oh, du grausame Mathematik!

Durch diese beiden Effekte hat man im Rückblick die gefühlte Hälfte seines Lebens irgendwo Anfang 20. Was schließen wir daraus?

Tempus fugit! Selbstverständlich. Ora et labora immer schön fleißig, denn per aspera ad astra, gleichzeitig aber auch: Carpe Diem.

Dem sei einschränkend hinzuzufügen: Vorsicht du walten lassen musst, wenn in die Zukunft du blickst. Die Furcht vor Verlust ein Pfad zur Dunklen Seite ist.

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Dieser Beitrag wurde unter beinahe existenzialistische Momente, Psychologie im weitesten Sinne veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Weise Worte

  1. Die Coole Jule schreibt:

    Keine Sorge vor Verlust. Denn ich bin einfach cool, gechillt, und unverlierbar. ❤

  2. Pingback: Der Tag, an dem ich Spießer wurde. | Gehirn&Katze

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