Mein Schönstes Ferienerlebnis Teil 1

Zum Thema Immunsystem lässt sich zusammenfassend sagen: Es kollabiert immer dann, wenn die Prüfungszeit mit dem Prüfungsstress rum ist und eigentlich die Semesterferien mit dem Freizeitstress folgen sollten.

Trotzdem hatte ich bis jetzt eigentlich sehr nette, wenn auch latent schleimige Semesterferien. Anbei der Versuch einer Rekonstruktion der ersten Wochen.

Leipzig

Leider hatte sich die Mehrheit meiner Psychofreunde recht zügig aus Leipzig verabschiedet, so dass ich die Zeit mit Leuten verbrachte, die sich nicht primär über ihren präfrontalen Kortex definieren. Dementsprechend nutzte ich die Zeit, die Gedächtniskonsolidierung im Hippocampus zu blockieren.

Irgendwie landete ich auf dem Sorabija Fasching im Studentenkeller und irgendwie hatte es mein Name sogar auf die Gästeliste geschafft. Fasching in Leipzig hat immer den verruchten Hauch einer latent hohlen Studentenverbindungsparty und damit nichts gemein mit meiner inzwischen heißgeliebten Fasnet (man will immer das, was man gerade nicht haben kann).

Allerdings habe ich gerade durch Recherche herausgefunden, dass Sorabija tatsächlich eine sorbische Studentenverbindung ist. Nun gut. Mein Kostüm als japanisches Schulmädchen stieß trotzdem auf positive Resonanz.

Ein paar Tage später ging ich mit meinem Linguistenkumpel André auf den Sprachenabend im Villakeller, einem soziokulturellen Zentrum in Leipzig. Beim Sprachenabend treffen sich Menschen verschiedener Herkunft und unterhalten sich an verschiedenen Tischen in verschiedenen Sprachen und konsumieren verschiedene Getränke.

Aufgrund akutem Esperantistenmangels tauften wir den Esperanto-Tisch kurzerhand zum Thai-Laotisch-Mandarin-Tisch um, der aber schon bald zur Nerdecke mutierte. In der Nerdecke lernte ich aber vielerlei faszinierende Dinge, zum Beispiel dass es neben Präfixen und Suffixen auch Zirkumfixe gibt, wie beispielsweise im Itelmenischen (wenn ich mich recht erinnere), einer tschuktscho-kamtschadalischen Sprache die noch von 300 Menschen gesprochen wird. True Story. Nachdem ich meinen ersten Klicklaut erlernt hatte, siedelten wir über zu einer Party.

Da die Welt bekanntlich ein Dorf ist, war es die Geburtstagsparty einer Sorbin, die ich am Sorabija-Fasching in meiner Funktion als Wingman in ein Gespräch verwickelte hatte.

Wer sich an dieser Stelle wundert, wer eigentlich diese Sorben sind und woher sie kommen, sollte es mal googlen.

Jedenfalls werde ich das jetzt mal machen.

Mainz

Mainz stand natürlich ganz oben auf meiner Reiseliste, immerhin studieren dort Johannes und Anna, zwei ehemalige Klassenkameraden von mir. Und natürlich wohnt meine herzallerliebste Freundin Yasmin „in der Ecke“, soll heißen in Frankfurt.

Außerdem hatte ich in Bangkok letzten Sommer Matthias M. aus Mainz kennengelernt, als er hilflos am Marine Department in seinem Lonely-Planet umherblätterte – „Can I help you? Oh ach so, du kommst aus Deutschland!“

Matthias ist dann insgesamt acht Monate durch Südostasien gereist und jetzt seit zwei Wochen wieder zurück in seiner Heimat Mainz.

Matthias M. aus Mainz ist der mainzigste Mainzer den ich mir vorstellen kann und so bekam ich eine sehr mainzlastige Mainzführung. Das Schöne an Mainz ist, immer wenn irgendwo gebuddelt wird, entdeckt man irgendwelche römischen Ruinen. Sogar Matthias konnte noch etwas dazulernen, er war nämlich das erste Mal in St. Stephan, der wunderbaren Pfarrkirche mit den einzigartigen Chagall-Fenstern („Ach deswegen kommen hier immer alle Touristen her!“).

Da die Welt bekanntlich ein Dorf ist fanden wir dann abends heraus, dass Matthias kleiner Bruder mit einem Kommilitonen von Johannes zur Schule gegangen ist. Small World und so.

Weggehtechnisch trennten sich dann die Wege, da die Schlange vorm Kulturzentrum (Ü30-Party) länger war als vor der Achterbahn im Europapark an einem sonnigen Ferientag. Die anderen gingen ins „schon schön“ (angeblich 80er mit Britpop, Elektro und 90s gemischt, mehr dazu später), wir standen aktiv an. Oder zumindest ich stand aktiv an und war zehn Minuten vor den anderen drin. Und musste warten.

Drinnen war es dann, na ja, eine Party.

Für Ü30 waren überraschend wenig Menschen über 30 da. Eigentlich sogar ausschließlich nur Studenten Mitte 20. Erwähnenswert ist vielleicht, dass ich eine karobehemdeten bebrillten Wirtschaftsingenieurstudenten aus Aachen kennengelernt habe. Nachdem ich ihm meine veganen Prinzipien erklärt hatte („Ich würde alles essen, was ich selbst erlegt, ausgenommen und zubereitet habe“) wollte er meine Handynummer. Damit er mich kontaktieren kann, sobald er ein lebendes Huhn organisiert hat.

Um halb vier stieß ich wieder zu Johannes und seinen Freunden im zweitbesten Döner von Mainz (gemäß Johannes) respektive dem besten Döner von Mainz (gemäß  Matthias).

Dort erfuhr ich, dass im „schon schön“ Russendisko war und Johannes Freund das Programm im falschen Monat nachgeschaut hatte. Sie hätten es aber auch ahnen können. Das Stempelmotiv am Einlaß war Hammer und Sichel.

Ich regte mich derweil auf, dass die Musik im Kulturzentrum so lausig war – kaum kam etwas Gutes, sagen wir mal System of A Down, stürmte ich die Tanzfläche, und prompt kam nur noch Rihanna. Das muss der DJ mit Absicht gemacht haben, nur um mich zu ärgern.

Eine Freundin von Johannes meinte: „Ich hätte alles für Rihanna gegeben.“

Ich hingegen hätte alles für Russendisko gegeben.

Man will immer das, was man gerade nicht haben kann.

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