nHirgendwo in bHerlin

Zwecks Geburtstagsüberraschung meiner allerliebsten langjährigen Freundin Yasmin war ich vorletzten Sonntag in Berlin.

Die Überraschung kam wohl sehr überraschend, so überraschend, dass Yasmin erstmal gar kein Wort mehr hervorbrachte. Nun ist es aber gar nicht so überraschend, dass jemand den nicht besonders langen und schon gar nicht beschwerlichen Weg von Leipzig in Berlin zwecks Überraschung in Kauf nimmt; der Überraschungseffekt lässt sich vermutlich auf eine lausige Erdkundelehrerin zurückführen, für die Ostdeutschland an der Grenze zu Russland liegt.

Jedenfalls, ich überraschte sie und ihre Freunde mitsamt Liebstem im Sushi-Laden. Sie bestellte Sushi, ich bestellte veganes Sushi. Sie bestellte einen Cocktail, ich bestellte Bier. Sie hört Rap, ich höre Rock. Früher stand sie auf Paul Walker, ich auf Orlando Bloom.

Unsere Freundschaft spottet damit jeglicher Theorie von Freundeskreishomogenitäten. Würden wir uns jetzt erst kennenlernen, sie würde mich vermutlich für eine abgedrehte Ökotussenstreberin mit Weltfriedenskomplexen halten. Vermutlich nicht unberechtigt. In jedem Fall: Wir würden vermutlich keine Freundinnen werden.

Das wunderbare an der Sache ist nun aber, wir haben uns vor etwa acht Jahren kennengelernt, und im zarten präpubertären Alter haben sich Interessen noch nicht besonders stark ausdifferenziert. Eigentlich sind mit vierzehn alle irgendwie ähnlich, nämlich ähnlich gestört; man nennt das auch „pubertär“.

Und basierend auf den verrückten Geschichten, die wir damals erlebt haben, und über die ich nie, niemals bloggen werde, sind wir nun immer noch befreundet und deswegen sind noch immer so fabulöse Begriffe wie mondän, exorbitant und selbstverständlich fabulös in meinem Wortschatz.

In meiner Friedensnobelpreisdankesrede wird Yasmin an erster Stelle erwähnt werden.

Zurück zum Abend. Zum Feiern wechselt wir in ein Designhotel.

Das Interieur stammte offensichtlich von einem retrofuturistischen Hipster-Designer mit Faible für Neonfarben, der im LSD-Wahn manisch Spirograph-Blumen malt. Er trug vermutlich einen Bart und eine Hornbrille. Das ist aber mehr Spekulation.

Pink gilt ja in der Farbpsychologie als besonders beruhigend und wird tatsächlich in der Schweiz für die Gefängniszellen agressiver Schwerstverbrecher verwendet. Vermutlich muss man auch im  Hotel mehrere Tage einsitzen, äh, Urlaub machen, um die sedierende Wirkung genießen zu können. Mich jedenfalls beunruhigte eher die Vorstellung, dass man mich in diesem Hotel mit merkwürdigen Farben und gezielt versprühten Düften einlullen wollte.

Auf dem Zimmer gab es zwar eine Gästtoilette, einen drehbaren Fernseher und ein E-Piano (!), dafür aber leider keine Möglichkeit, irgendwie Musik zu hören, weswegen wir auf das Alternativprogramm „Dschungelcamp“ auswichen. Vielleicht war das auch von vorne rein eingeplant gewesen. Ich weiß es nicht.

Vielleicht möchte ich es gar nicht wissen.

Die anderen tranken Wodka-Bull, ich trank Club-Mate.

Auf der Suche nach einem guten Versteck für die Geschenke platzierte ich das eine in einem Schuh, das andere direkt neben den Zahnputzbechern im Bad. Im Nachhinein stellt sich mir die Frage, ob wir da nicht irgendwas mit Ostern durcheinandergebracht haben. Vermutlich waren wir aber nur durch die psychedelischen, organischen Formen verwirrt.

Es war ein exorbitant fabulöser Abend, vielleicht leicht exzentrisch, in jedem Fall aber dekadent.

Kurz vor zwölf begaben wir uns in die Lounge aka an die Bar. Damit konnte ich auch endlich die Frage klären, wer in solchen Hotels absteigt: Ältere Ehepaare und alleinstehende, gaffende Geschäftsmänner, wahlweise mit Krawatte und Anzug oder Hornbrille und Macbook.

Leider musste ich kurz vor 12 loszischen um den letzten Zug noch zu erwischen, deswegen kann ich nicht berichten, wie der Rest des abends verlief.

Er muss aber recht lustig gewesen sein.

Halb eins bekam ich eine SMS von Yasmin. „WO IST DAS GESCHENK?“ und etwas später „Wir suchen zu fünft und finden nichts“.

 

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