Warten auf…

Ende September machte ich mich auf die Suche nach einem DSL-Anbieter für meine neue Wohnung. „Suche“ ist vielleicht übertrieben, genau genommen kenne ich nur zwei Anbieter.

Einer davon hatte als Werbefigur (und angebliche Namensgeberin) die überaus hübsche Freundin des inzwischen verstorbenen Sohnes von Gaddafi. Ihr wisst schon, die in dem Flatterkleidchen mit den langen blonden Haaren. Inzwischen wurde ihr gekündigt, weil sie ein paar etwas doofe Sachen über Libyen gesagt hat – ungerecht Welt, wer gut aussieht, kann doch nicht gleichzeitig noch Politologie studieren!

Jedenfalls, nicht wegen dieser Geschichte, sondern aus alter Bequemlichkeit wählte ich den anderen Anbieter. Wählte mein Paket aus, schön schnelle Verbindung, hohes Datenvolumen, drei Festnetznummern (eine fürs Bad, eine fürs Wohnzimmer, eine für die Küche?). Bestellte. Alles einwandfrei. So weit.

Als Schaltungstermin wurde mir Donnerstag, der 3. November vorgeschlagen. Da war ich schon einmal ziemlich verblüfft, immerhin war das noch über einen Monat hin. Ist ja nicht so, dass ich internetabhängig bin und anfange zu zittern, wenn ich keine Verbindung habe. Dummerweise studiere ich aber doch ab und zu, so dass Donnerstag, 08:00-16:00 (kein Scherz) bei mir relativ schlecht ist. Kein Scherz: Die Telekomtechniker haben vermutlich eine Liste mit Adressen, die sie in ihrer Acht-Stunden-Schicht in zufälliger Reihenfolge besuchen. Das ist schlimmer als beim Frauenarzt, dort kann man einen Termin wenigstens auf ein ein- bis dreistündiges Intervall festlegen.

Ich rief also im Servicecenter an und ließ den Termin auf 9.11. verschieben, weil ich mittwochs nicht in die Uni muss. Kein Problem, sagt die nette Dame, sie leitet das weiter.

Einen Tag später bekomme ich eine nette Mail, wie vereinbart wird mein Schaltungstermin auf den 17.11. verlegt. Eh? Moment mal, schon wieder ein Donnerstag!

Ich also, rufe noch mal an, können wir den Termin auf den Mittwoch davor verlegen? Nein, nicht möglich. Rückwärtsverlegung geht nicht, auch wenn es noch gefühlte tausend Wochen bis zum vereinbarten Termin sind.

Am nächsten Tag ruft mich wieder eine nette Dame zurück, Mittwoch, der 16. würde doch gehen. Juhu!

Maßlose Freude meinerseits.

Am nächsten Tag die Mail: Ihr Schaltungstermin wurde auf den 23. verlegt, da der 16. ja leider Feiertag ist. 16.11.? Feiertag? Diese verdammten Protestanten!

Gut, jedenfalls, der Termin stand. Steht.

Nächste Hürde: Zustellung meiner Fritz Box. Ganz vorbildlich kam sie am Dienstag, den 15.11. an. Leider nicht bei mir. Stattdessen wurde sie dann im Pflegedienst im zweiten Stock meines Hauses abgegeben.

Mittwoch konnte ich sie nicht abholen, weil, wie erwähnt, Feiertag war.

Donnerstag konnte ich sie theoretisch abholen, praktisch war niemand dort. Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Freitag, von 09:30 bis 16:00. Die Sonnenblume auf dem freundlichen Schild an der Tür strahlt mich an.

Freitag war ich pünktlich um 09:30 dort, weit und breit niemand zu sehen. Auch nicht um 13:00. Auch nicht um 15:45. Hämisch grinst die Sonnenblume mich an. Fünf Tage bis zum Schaltungstermin.

Montag versuchte ich es erneut.  Diesmal mit Erfolg! Tatsächlich, die magische Tür mit dem Sonnenblumenschild öffnete sich. Was? Ein Paket? Ach so, ja, das steht im Büro der Chefin. Und nein, sie hat da keinen Schlüssel. Schon eine dumme Sache. Genau genommen ist die Chefin eigentlich nie da. Ich beginne zu zittern, nur ganz leicht.

Schließlich schmieden wir einen genialen Masterplan: Die Chefin des Pflegedienstes überreicht das Paket an Frau E., eine freundliche Seniorin, die immer zu Hause ist, außer zwischen 12 und 13 Uhr, da geht sie immer essen. 12 bis 13 Uhr, macht gar nichts, ist bei mir auch schlecht. Da muss ich Essen und manchmal auch studieren.

Am Abend versuch ich es bei Frau E. Niemand zuhause. Noch zwei Tage bis zum Schaltungstermin.

Dienstag früh versuche ich es bei Frau E. Niemand zuhause. Noch ein Tag bis zum Schaltungstermin.

Dienstagabend klingele ich bei Frau Enke: Ein großmütterliche Stimme fragt: Wer da? Die Tür geht auf. Wie nett, sieht fast ein bisschen aus wie meiner Oma.

Was, welches Paket? Ach so! Ja, das Paket.

Nein nein, das habe ich wieder dem Pflegedienst gegeben. Ist ja niemand gekommen, um es abzuholen. Frau E., waren Sie eigentlich gestern zu Hause?

Och nein, da war ich weg.

Nun gut. Trotzdem danke, schönen Abend noch.

Puh. Noch eine Nacht bis zur Schaltung. Verzweifelt klebe ich einen Zettel an die Tür des Pflegedienstes: Bitte bringen Sie mir das Paket einfach vorbei. Gottverdammtnochmal, bringen Sie mir dieses verdammte Paket so schnell wie möglich runter, aber pronto! Und passen Sie die Öffnungszeiten auf dem Sonnenblumenschild Ihres Mickey-Maus-Pflegedienstes an. Von 08:00 bis 16:00 werde ich Sie ebenso sehnsuchtsvoll erwarten wie den Techniker.

(Natürlich formuliere ich alles etwas knapper und sehr freundlich)

Tag Zero. Nervös sitze ich auf dem Sofa, habe nichts zu tun, beziehungsweise eigentlich viel zu viel, aber alles würde einen Internetanschluss erfordern. Den habe ich in der Uni, oder bei meinem Freund. Kann aber nicht weg. Muss warten. Muss warten.

Die Uhr in meinem Zimmer tickt sehr laut.

10:30, sollte jemand im Pflegedienst gewesen sein, müsste man meinen Zettel entdeckt haben. Hoffnungsvoll lausche ich jedem Poltern im Treppenhaus. Kaum wage ich es, in den zweiten Stock zu gehen, um selbst nach zu schauen. Habe auch meine Telefonnummer hinterlassen. Vielleicht sollten wir eine Übergabe im Treppenhaus machen, da höre ich noch meine Türklingel. Nicht, dass sich der Techniker einfach so wieder verflüchtigt und ich muss zur Strafe den zweiten Technikerbesuch selbst bezahlen.

Tick, Tack.

11:45, jetzt reicht es mir. Ich gehe hoch. Mein Zettel ist weg. Es ist jemand im Pflegedienst. Oh, ach ja, Sie sind das! Gut das Sie Ihr Päckchen endlich abholen. Wir haben es ja so oft bei Ihnen versucht, Sie waren ja nie zuhause!

Sehr geehrte Frau Pflegerin, haben Sie es zum Beispiel heute Morgen versucht, als Sie meinen Zettel entdeckt haben?

Aber jetzt ist es auch egal. Moral von der Geschichte: Bitte nehmen Sie keine Päckchen mehr für mich an. Vielleicht nehmen Sie am besten gar keine Päckchen mehr an, wenn eh nie jemand da ist. Vielleicht hänge ich auch ein Schild an meinen Briefkasten: „Pakete bitte im Casino gegenüber abgeben“, da ist nämlich immer jemand, neuerdings ist sogar sonntags offen. Traurige Welt, in der Spielhöllen verlässlicher sind als Pflegedienste.

Die Uhr in meinem Zimmer tickt sehr laut.

Jetzt sitze ich hier.  Das DSL-Kontrolllämpchen versucht vergebens, den Telekom-Techniker herbei zu blinken. Rührend, die sinnlose Bemühung erinnert mich ein bisschen an mich selbst. Mein Streben nach einem Internetanschluss.

In den nächsten vier Stunden muss er kommen.

Tick, tack.

Da fällt mir gerade noch ein, eigentlich wollte ich mir schon mal ein Telefon besorgen, um wichtige Telefonate zu führen.

Die Uhr in meinem Zimmer…

Draußen scheint die Sonne.

…tackt, äh, tickt…

Ich kann aber nicht weg.

…sehr laut.

Muss warten.

Tick.

Muss warten.

Tack.

Muss-

Es klingelt.

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