Money, Money, Money

Off-Topic, aber vielleicht trotzdem für einige interessant: Nicht nur Familie Quandt spendet ab und zu mal größere Beträge an Parteien.

Auf opendata-bundestag.de könnt ihr euch anschauen, wo wer wieviel wann an welche Partei gespendet hat. Verzeichnet sind alle Großspenden über 50.000 Euro zwischen 2009 und 2013. Wenn ihr eure Maus über einer der Markierungen platziert, bekommt ihr die Details – die Farben stehen für die Parteien, grau sind sonstige Parteien (NPD, MLPD, DVU und die Allianz für Gesundheit, Frieden, und soziale Gerechtigkeit).

Eigentlich dachte ich erst, mein Freund, der das ganze gebastelt hat, hätte einen Kommafehler bei den Daten gemacht, aber: Ja, der Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie hat tatsächlich 600.000 Euro an die CSU gespendet. Und ja, die ehemalige DDR sieht ziemlich leer aus – bis auf die 140.500 Euro aus Thüringen an die NPD (…verdammte Stereotype). Und die einzige Großspende aus Berlin wurde ausgerechnet aus der Karl-Liebknecht-Straße getätigt.

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„Pferde sind schnell verärgert.“

Origamipferd, missglückt

Origamipferd, missglückt

Heute habe ich das erste Mal seit langem wieder eines meiner Origami-Bücher aufgeschlagen und ein Pferd gefaltet. Beziehungsweise: versucht ein Pferd zu falten. Mit eher durchmischtem Erfolg.

Das Origami-Buch ist der chinesischen Mythologie gewidmet und beinhaltet auch kurze Beschreibungen der chinesischen Sternzeichen. Passenderweise bin ich Pferd.

Eine Person, die im Jahr des Pferdes geboren ist, ist in der Regel eine gesellige Person. Pferde sind beliebt, glücklich und reden viel –

Beliebt und glücklich? Immer doch, immer!

manchmal vielleicht auch zu viel.

Das ist eine haltlose Unterstellung.

Sie sind sehr unabhängig und heißblütig, sie neigen dazu, Ratschläge zu ignorieren.

Fakt!

Pferde sind schnell verärgert, und im Rausch der Leidenschaft sind sie praktisch unfähig, anderen Dingen ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Pffffff….

An Langzeitprojekten scheitern sie häufig.

Was?

Pferde denken schnell und sind weise, können gut mit Geld umgehen und sind begabte Handarbeiter.

Das klingt doch schon eher nach mir. An der Handarbeiter Sache zweifle ich aber, siehe Bild.

Ihre Anziehungskraft verdanken sie jedoch vor allem ihrem Aussehen.

Moment mal, ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?

Im Umgang mit dem anderen Geschlecht sind sie häufig schwach, es fehlt ihnen an Selbstbewusstsein. Pferde passen gut zu Tigern und Hunden, sollten sich aber unbedingt von Ratten fernhalten.

Schwach? Schwach??? Und außerdem, mein Freund ist im Jahr der Ratte geboren. Danke, Origami-Buch. Das ist das letzte Mal, dass ich mir von einem Bastelbuch habe Ratschläge geben lassen!

Falls ihr euch auch von meinem Bastelbuch beleidigen lassen wollt, schreibt mir euer Geburtsjahr.

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Die neue Schlankdiät / Wunschfigur ohne Hungern / Abnehmen ohne Verzicht

Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich in den letzten Monaten einen signifikanten Anteil meines Körpergewichts abgenommen. Und mit signifikant meine ich signifikant im statistischen Sinne, ich habe nämlich für Forschungszwecke mein Gewicht protokolliert um eine Regressionanalyse rechnen zu können. Nach den Regeln des Internets macht mich mein Gewichtsverlust zur Ernährungsexpertin – als solche habe ich zwar das Recht, eine Gemüsekrone mit proteimreichen Dressing zu tragen, bin jedoch zugleich verpflichtet, über meinen Gewichtsverlust zu bloggen.

Also, aufgepasst: Der Weg zur Traumfigur ist eine kohlenhydratlastige, fettreiche vegane Mischkost. Wichtig ist es, das Frühstück wegzulassen und stattdessen zwei große Tassen sehr starken Kaffee mit Sojamilch zu trinken; sollte die Sojamilch ungesüßt sein, helft mit zwei Löffeln Zucker nach.

Mittags und abends sollte man grundsätzlich warm essen. Gebratenes und Frittiertes ist vollkommen okay, sorgt nur dafür, dass ihr ausreichend Öl verwendet. Faustregel für die Bestimmung der adäquaten Nahrungsmenge: Kalkuliert die Portionen so, dass theoretisch genug für zwei Mahlzeiten da ist. Nehmt dann aber kräftig Nachschlag. Damit bleibt der Rest so klein, dass es sich auch nicht mehr lohnt, ihn aufzubewahren. Deswegen esst ihn dann auch noch. Dadurch nehmt ihr nicht nur ab, sondern stellt auch sicher, dass euer Lebensgefährte auch am nächsten Tag wieder neu kochen muss – schlank und permanenter Nahrungsnachschub, zwei Fliegen mit einer Klatsche!*

Das kommt euch jetzt vielleicht sehr anstrengend vor, aber dafür gibt es einen kleinen Trick, wie ihr ohne Reue schummeln könnt: Alles, was auf dem Schreibtisch eures Mitbewohners steht, hat für euch keinerlei Kalorien. Wenn ihr ihm seine Chips, seine Nüsse und seine Schokolade wegesst, dann kommen die Kalorien nicht auf euer Konto sondern auf seins. Klingt komisch, ich konnte das aber bereits mehrfach verifizieren, vertraut mir! Das sogenannte Dorian-Gray-Snacking-Prinzip ist das Erfolgsgeheimnis meiner Diät. Und um sicherzustellen, dass ihr keine Mangelerscheinung bekommt, supplementiert ihr mindestens dreimal die Woche Burger und Bier.

Hm.

Vielleicht solltet ihr doch besser keine Ernährungstipps von mir annehmen. Wenn ich mir das so durchlese, klingt das so, als hätte ich alles falsch gemacht. Und zu allem Übel wollte ich nicht mal abnehmen! Dabei ist der Wunsch, abnehmen zu wollen, doch Kern jeder Gewichtsreduktionsdiät.

Wobei, vielleicht ließe sich daraus auch Profit schlagen?

Ich präsentiere: Die buddhistische Diät der Nicht-Anhaftung. Um abnehmen zu können, müsst ihr euch vom Ziel des Abnehmens ablösen. „Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg“, „Wenn du zur Quelle willst, musst du gegen den Strom schwimmen“ etc. pp. Wenn ich das ausgearbeitet habe, verkaufe ich die Geschichte an die ganzen Frauenzeitschriften und mache damit dick Kohle!

* Für diesen Blogeintrag wurden keine Tiere verletzt.

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Es wird halb so schlimm.

Stell dir vor, die Bundestagswahl in weniger als drei Wochen bringt das für dich denkbar schlechteste Ergebnis. Für dieses Gedankenexperiment ist es nicht wichtig, ob das „denkbar schlechteste Ergebnis“ Merkel, Steinbrück oder gar beide sind. Wie wird es dir dann gehen? Wie glücklich bist du dann auf einer Skala von 0 (todunglücklich) bis 10 (orgastische Dauereuphorie)?

Die gute Nachricht aus der psychologischen Forschung: Es wird vermutlich halb so schlimm. Wir überschätzen den Einfluß, den unangenehme Lebensereignisse – von der Niederlage der Lieblingsfußballmannschaft über die große Koalition bis hin zur Trennung von der Liebe des Lebens oder dem Versagen in einer Psychologieklausur – auf unsere Gefühle haben. Die schlechte Nachricht aus der psychologischen Forschung: Ebenso überschätzen wir den Einfluß, den angenehme Lebensereignisse – vom Sieg der Lieblingsfußballmannschaft über ein politisches Wunder bis hin zur Hochzeit oder dem Brillieren in einer Psychologieklausur –  auf unsere Gefühle haben.

Das darf man jetzt durchaus als Sieg der Küchenpsychologie werten, denn die emotionale Suppe, die dort köchelt, wird nie so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Womit wir mit den Küchenmetaphern für heute durch wären (…ich bekomme gerade Hunger) und zur eigentlichen spannenden Forschungsfrage kommen:

Warum ist das so?

Eigentlich ist es für uns höchst relevant, abschätzen zu können, wie wir uns nach einem Ereignis fühlen werden. Wenn ich erwarte, dass eine schlechte Note in der Klausur mich in eine wochenlange Depression stürzen wird, werde ich mich eher auf meine vier Buchstaben setzen, um die Nacht durchzubüffeln. Wenn ich erwarte, dass das Verzehren einer ganzen Tafel Schokolade (Edelbitter-Cranberry) mich glücklich machen wird, werde ich jetzt eher zum Süßigkeitenfach laufen (das übrigens erst seit ich hier wohne diesen Namen verdient hat, zuvor haben sich darin nur Sonnenblumenkerne und zuckerfreie [!] Pfefferminzbonbons befunden).

Antizipierte Gefühle helfen uns bei der Wahl der richtigen Handlung und je genauer unsere Vorhersagen, desto eher können wir unsere Entscheidungen optimieren. Damit wir aber an den Punkt gelangen, an dem wir ordentliche Vorhersagen treffen können, müssen wir eine Menge lernen. Und genau das scheint nicht zu funktionieren: Obwohl trotz der schlechten Note nicht die Welt untergeht, werde ich mir vor der nächsten Klausur immer vor Stress verrückt machen. Und obwohl die Tafel Schokolade mich nicht glücklich gemacht hat, werde ich die nächste kaufen (und zwar diesmal Nougat. Man beachte, dass das rein hypothetische Szenarien sind. Selbstverständlich hat sich die Tafel Edelbitter-Cranberry vom ersten bis zum letzten Stück wie erwartet positiv auf mein Wohlbefinden ausgewirkt).

Eine mögliche Erklärung ist, dass wir uns fälschlicherweise so an die Ereignisse erinnern, wie wir sie vorhergesagt haben. Wenn ich große Erwartungen an die Tafel Schokolade hatte, denke ich im Nachhinein eher, dass sie auch wirklich großartig war, selbst wenn sie in Wirklichkeit ein pelziges Gefühl auf meiner Zunge hinterlassen hat und ab der zweiten Hälfte einen leichten Brechreiz verursacht hat (was nicht der Fall war).

Meyvis, Ratner und Levav haben in einer Reihe von Studien, die 2010 veröffentlicht wurden, genau in die andere Richtung geforscht: Fälschlicherweise erinnern wir uns daran, genau die emotionalen Konsequenzen erwartet zu haben, die dann gekommen sind. Quasi so wie Politik-Experten, die im Nachhinein behaupten, sie hätten alle Ergebnisse bis zur zweiten Nachkommastelle exakt kommen gesehen. Mit der fatalen Konsequenz, dass sie vergessen haben, dass ihre Vorhersagen in Wirklichkeit lausig waren und sie lieber nicht so die Klappe aufreißen sollten.

In ihrer Studie ließen die ForscherInnen vor und nach dem Superbowl Fragebögen ausfüllen. Etwa 100 Studierende nahmen teil und sollten zunächst drei Tage vor dem entscheidenden Spiel angeben, wie glücklich sie sein würden, wenn ihre Lieblingsmannschaft gewinnen oder verlieren würde. Fünf Tage nach dem Spiel sollten sie angeben, wie glücklich sie tatsächlich waren – und ihre Prognose von der Vorwoche wiedergeben. Tatsächlich überschätzten die Eagle Fans den negativen Einfluß, den die Niederlage ihrer Mannschaft auf ihre Stimmung haben würde. Außerdem waren sie im Nachhinein der Meinung, dass ihre ursprüngliche Schätzung exakt gewesen wäre. Sie behaupteten also, dass sie vor einer Woche gewusst hätten, dass sie sich so fühlen würden, wie sie es jetzt taten.

Die Hypothese der Forscherinnen dazu lautet, dass wir uns so an unsere Vorhersagen erinnern, dass sie mit unserer aktuellen Stimmung übereinstimmen. In einem weiteren Experiment überprüften sie, ob das auch funktioniert, wenn man an der Stimmungslage der Teilnehmenden rumdoktort. Dafür nutzten sie den Umstand, dass praktischerweise in den USA gerade Vorwahlen für die Präsidentschaftswahlen 2008 stattfanden. Die Versuchspersonen sollten sich, nachdem sich Obama gegen Clinton durchgesetzt hatte, in die Zeit vor der Vorwahl zurückversetzen. Welche Einfluß auf ihre Stimmung hatten sie erwartet, wenn sich Obama durchsetzen würde? Erneut „erinnerten“ sich die Versuchspersonen daran, genau die Stimmung vorhergesagt zu haben, in der sie sich tatsächlich befanden. Der Clou bei der Sache: Die eine Hälfte hörte dabei Gustav Mahlers Adagietto, die andere lauschten Mozarts Nachtmusik. Wer Mozart auf die Ohren bekam gab nicht nur an, fröhlicher zu sein, sondern behauptete auch, schon im Februar geahnt zu haben, besonders glücklich zu sein, wenn Obama gewinnen würde. Dieser Effekt lässt sich schwer vereinbaren mit der Vorstellungen, dass wir uns gut an unsere Erwartungen erinnern. Außer natürlich, wir finden einen mysteriösen Mechanismus, wie Mozart im Juni rückwärts durch die Zeit bis in den Februar reist und dort unsere Vorhersagen manipuliert, was ich hier aus Platzgründen nicht weiter ausführen möchte.

Dafür, dass die falsch erinnerten Vorhersagen nicht ohne Konsequenzen bleiben, lieferten Meyvis et al. Belge in einem weiteren Experiment. Am Anfang des Semesters wurden Studierende gebeten, eine größere Anschaffung, die sie für das laufende Semester planen, aufzuschreiben. Dann sollten sie jeweils ankreuzen, wie glücklich sie dieser Kauf machen würde beziehungsweise wie sie sich fühlen würden, wenn sie ihn nicht tätigen. Zuletzt sollten sie noch angeben, wie groß sie den Effekt schätzen, den größere Anschaffungen ganz generell auf die Stimmung in der Woche nach dem Kauf haben.

Am Ende des Semesters kam der zweite Teil der Studie, in dem die Studierenden angeben sollten, ob sie die Anschaffung tatsächlich getätigt hatten und wie glücklich sie waren. Außerdem sollten sie sich an ihre Vorhersagen vom Anfang des Semesters erinnern und erneut angeben, wie sehr sie an den Einfluß von materiellen Anschaffungen generell auf das Wohlbefinden glauben.

Die Versuchspersonen, die den Kauf getätigt hatten, waren dadurch nicht so viel glücklicher geworden, wie zu Beginn des Semesters erwartet. Die Versuchspersonen, die den Kauf nicht getätigt hatten, waren dadurch nicht so viel weniger glücklich geworden, wie zu Beginn des Semester erwartet. Und es gab wieder eine generelle Tendenz, die erinnerte Vorhersage an das tatsächliche Wohlbefinden anzupassen. Allerdings galt das nicht für alle gleichermaßen: Bei manchen Versuchspersonen war der Erinnerungsfehler kleiner, sie erinnerten sich also, dass sie den Einfluß der (Nicht-)Anschaffung ursprünglich überschätzt hatten. Und genau diese Versuchspersonen lernten aus der Erfahrung: Im Vergleich zum Anfang des Semesters schätzten sie nun den Einfluß von materiellen Anschaffungen auf das Wohlbefinden geringer (und damit realistischer) ein. Man könnte auch sagen: Dadurch, dass sie ihren (Vorhersage-)Fehler erkannt haben, konnten sie eine der großen Lügen des Kapitalismus entlarven, aber das klingt vielleicht ein bisschen zu dramatisch. Weniger dramatisch: Um aus Fehlern zu lernen, muss man erstmal erkennen, dass man einen Fehler gemacht hat. Womit wir doch wieder bei der Küchenpsychologie gelandet wären.

Wenn wir lernen wollen, den emotionalen Einfluß, den Ereignisse auf uns haben, besser einzuschätzen – beispielsweise, um rauszufinden, ob sich das stundenlange Lernen oder die ganze Tafel Schokolade tatsächlich lohnen (zu zweiterem: Ja!) – müssen wir uns sicherstellen, dass wir nicht unsere Erwartungen, die wir zuvor hatten, vergessen. Eine Möglichkeit wäre es, sie jemandem vertrauenswürdigen mitzuteilen, der sie dir dann süffisant unter die Nase reibt („Ich hab dir doch gesagt, dass die Welt nicht untergehen würde“). Die vielleicht angenehmere Methode ist es, sie schriftlich festzuhalten („Liebes Tagebuch, wenn ich keine 1 vor dem Komma habe werde ich bestimmt sterben“). Leider bewahrt das alles nicht vor den nervigen Zeitgenossen, die immer alles „kommen gesehen“ haben. Und leider bewahrt uns das auch nicht vor der nächsten Bundestagswahl.

Ich sag’s euch, das wird schlimm. Mindestens doppelt so schlimm.

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Der Tag, an dem ich Spießer wurde.

Nachdem ich schon vor über einem Jahr festgestellt habe, dass ich alt geworden bin, musste ich nun zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass ich spießig geworden bin.

Unser Nachbar feierte gestern im Hof seinen dreißigsten Geburtstag, und natürlich geht es bei sowas manchmal etwas lauter zu. Natürlich hört man manchmal bis nachts um 5 lauten Hiphop mit dröhnendem Bass im Hof. Und natürlich sind die Nachbarn, die nicht clever genug waren, ihre Schlafzimmer vorne raus zur Karli zu platzieren, vollkommen selbst schuld.

Deswegen kann ich auch in keiner Form rechtfertigen, warum ich, Spießbürgerin die ich bin, um 4 Uhr ernsthaft runter ging, um (sehr freundschaftlich) zu fragen, ob sie nicht leiser machen könnten. Zum Glück befreiten mich meine Nachbarn von meinem bourgeoisen Schlafbedürfnis und klärten mich, wild auf mich einredend, über Folgendes auf:

  • Wer länger im Haus wohnt, hat mehr Rechte, als jemand, der gerade erst eingezogen ist
  • Demokratie bedeutet, dass es asozial ist, wenn 2 Leute sich beschweren, weil 20 Leute sie vom Schlafen abhalten
  • Dass in unserem Haus Familien mit kleinen Kindern wohnen, die sich nicht beschweren, ist eine gute Rechtfertigung, jede Beschwerde zu ignorieren
  • Bertolt Brecht hat „Der Steppenwolf“ geschrieben (der Gastgeber versuchte, mir mit Freestyle-Rap klar zu machen, was es bedeutet, seinen dreißigsten Geburtstag zu feiern)

Vor einer solch brillianten Logik, solch einer tiefschürfenden Ethik und diesem geballtem literarischen Wissen musste ich meinen Hut ziehen. Hätten sie dann noch tatsächlich Mr. Spock zitiert („Das Wohl vieler ist wichtiger als das Wohl einiger, oder eines Einzelnen“), wäre ich gar vor Ehrfurcht erschaudert und hätte tatsächlich einen Schluck aus der Flasche Wodka genommen, die mir ständig unter die Nase gehalten wurde (unter der Bedingung, dass ich sicher gewusst hätte, dass der Wodka vegan ist).

Nicht ganz so respektabel fand ich es, dass man mir zunächst mitteilte, dass ich mich ausziehen müsste, bevor ich irgendwas sagen dürfte. Vielleicht bin ich auch einfach zu empfindlich, was Sexismus angeht. Ich bedanke mich auch für die Belehrung, dass es in Deutschland im Gegensatz zu China kein autoritäres Regime gibt („Sag mal, weißt du eigentlich, was Demokratie ist?“). Meine Bemerkung, dass ich aus Deutschland kommen würde, wurde quittiert mit den Worten „Siehst aber nicht so aus“ – gut, dass man mich manchmal daran erinnert. Man vergisst das so schnell und baut dann die Erwartung auf, wie ein Mensch behandelt zu werden.

Sarkasmus beiseite, die Nacht, beziehungsweise der frühe Morgen wurde dann tatsächlich irgendwie noch ganz unterhaltsam, als sich mein Freund (a.k.a. Master of Deeskalation und gewaltfreie Kommunikation) heldenhaft der Sache annahm. Der Gastgeber fragten ihn, wann er denn 30 werden würde. Aus der Angabe „in zwei Jahren“ ergab sich folgender Dialog, den ich belauschen konnte:

Partygast (PG) 1, schnippisch: „Pah, der ist erst 27!“ – PG 2, verwirrt: „Nee Mann, ich glaub, der ist schon 28“ – PG 3, verwirrter: „Was? Nee, 27.“

Außerdem habe ich das erste Mal gehört, wie jemand ernsthaft das Wort Kunde als Beleidigung verwendet. Interessant: Kunde ist Rotwelsch für Landstreicher und war namensstiftend für eine DDR-Jugendkultur. Nicht, dass ich Anspruch auf semantisch korrekte Beleidigungen erheben würde, aber ich wüsste gerne mehr über die Etymologie dieser kontraintuitiven Beleidigung.

Dann wurde meinem Freund vorgeworfen, dass er aus Frankfurt kommen würde („Das ist der Grund, warum hier die Mieten so hoch gehen!“). Erneut, ich erhebe keinen Anspruch auf semantisch korrekte Beleidigungen, und ich weiß noch nicht mal, ob „Boah ey, du kommst doch aus Frankfurt“ überhaupt als Beleidigung zählt, aber mein Freund kommt aus Halle und das hört man auch, wenn er redet.

Wie könnte ich diesen Menschen, die so zu meiner Erheiterung beigetragen haben, ernsthaft böse sein? Und sind schon 4 Stunden geraubter Schlaf im Austausch gegen zwei neue erlernte Beleidigungen und gegen die Erfahrung, dass man auch bei coolen, lockeren und total unspießigen jungen Leuten lieber keine Frau mit Migrationshintergrund sein sollte, wenn man ernst genommen werden möchte?

Wir haben uns direkt entschieden, im Wohnzimmer Rollos anzubringen. Wenn die nächste Sause steigt, schlafen wir dann dort.

Und wenn mein Freund dann (in zwei oder drei Jahren) dreißig wird, laden wir all unsere Freunde aus China und Frankfurt ein und feiern eine antidemokratische Hofparty mit Champagner und Kaviar. Leider werden dann unsere Nachbarn gar nicht mehr hier wohnen, weil mein Freund und ich bis dorthin höchstpersönlich die Miete über die Schmerzgrenze getrieben haben werden.

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Frauen ansprechen. Ein Kurzdrama.

Ein früher, lauer Sommerabend auf einem Platz in Berlin. Unter einem Ahorn (oder einer Linde) steht eine junge Frau mit asiatischem Migrationshintergrund und roten Schuhen und starrt angestrengt auf den Ausgang der S-Bahn-Haltestelle „Hackescher Markt“.

Ein schmächtiger junger Mann mit blonden Haaren nähert sich in rosa Shorts und leuchtend blauem Karohemd.

Er: I’ve seen you waiting here for almost half an hour. So, I am waiting, you are waiting, I think we can wait together!
Sie: Du kannst auch deutsch mit mir sprechen. blickt auf die Uhr an der S-Bahn-Station Das ist komisch, meine Bahn ist nämlich höchstens vor sechs Minuten hier angekommen.
Er: Die Zeit erscheint mit immer länger, wenn ich warte.

 
Pause

 
Er: Du studierst bestimmt, oder? Halt, verrat‘ mir nichts, lass mich raten. Also…wenn ich dich so anschaue schaut sie von oben bis unten an und bleibt an den roten Turnschuhen hängen irgendwas mit Kunst, aber nicht einfach Kunst…nein…irgendwas Richtung Schriftsteller!
Sie: Falsch, Psychologie.
Er lachend: Soso, Psychologie also? Da könnte ich eine Menge Sprüche bringen, aber die hast du bestimmt alle schon gehört. berührt sie dabei absichtlich wie zufällig am Arm
Sie: Ja, hab ich bestimmt alle schon gehört.

 
Schweigen. Sie wendet sich wieder der S-Bahn-Station zu.

 
Sie: Und du so?
Er: Du musst auch raten!
Sie ernsthaft: Ich glaube nicht, dass man am Äußeren eines Menschen erkennen kann, ob oder was er studiert.
Er: Ich geb dir auch einen Tipp! Es ist ein sehr großer Studiengang hier in Berlin. Einer für Männer.
Sie: Maschinenbau an der TU.
Er lachend auf sein Karohemd zeigend: Mist, vielleicht seh‘ ich zu sehr nach typischem Maschinenbauer aus.
Sie deutet auf seine rosa Shorts, die ein gutes Stück über dem Knie enden: Die gehören da aber nicht wirklich dazu.

 
Stille.

 
Er: Und was machst du sonst so, außer studieren und die von süßen fremden Jungs anquatschen lassen?
Von der anderen Seite schleicht sich der Freund an, auf den sie gewartet hat, und unterbricht abrupt die Szene. Als die junge Frau mit ihm die Bühne verlässt, sehen wir einen Hauch von Erleichterung auf ihrem Gesicht. Der Vorhang fällt.

*Und an dieser Stelle noch kurz ein Verweis auf ein Interview mit einem Dating-Coach, das ich vor längerer Zeit geführt habe.

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Praktizieren geht über Studieren

Letzten Donnerstag habe ich die letzte der vier Prüfungen des vierten Semesters im Bachelorstudium hinter mich gebracht. Als Bachelorstudentin muss ich standesgemäß ein bisschen über den Bologna-Prozess schimpfen und darüber, dass wir jedes Semester drei oder vier Prüfungen schreiben, während manch einer sein Psychologie-Diplom damals mit nur zwei schriftlichen Prüfungen (beide in Statistik) über die Bühne bringen konnte.

Außerdem sollte ich darüber schimpfen, dass wir zum Bulimie-Lernen genötigt werden, schließlich ist der beinahe todsichere Weg zur Einsnull, einfach alle Folien zu allen Vorlesungsterminen und alle Handouts zu allen Seminaren wörtlich auswendig zu lernen. Allerdings ist die Prüfungszeit beim vierten Mal auch nur noch Routine und danach denk zumindest ich mir: So schlimm kann’s gar nicht gewesen sein, immerhin leb ich noch und hab auch niemandem in meinem näheren Umfeld den Kopf abgerissen. Vielleicht ist das eine merkwürdige Form des Stockholm-Syndrom, aber inzwischen weiß ich den Adrenalin-Kick von 60 Minuten Schreibmarathon zu schätzen. Außerdem sind manche Dinge in unserem Studium sogar richtig interessant!

Dieses Semester habe ich zum Beispiel gelernt, dass „Bulimie-Lernen“ keine besonders gute Analogie ist. Zur Bulimie gehören nämlich Essanfälle mit subjektivem Kontrollverlust und beim Lernen hatte ich noch nie das Gefühl, einfach immer mehr Lernstoff in mich reinschaufeln zu müssen (Siehe A-Kriterium Bulimia Nervosa). Außerdem ist eine Prüfung nicht wirklich vergleichbar mit Erbrechen (Siehe B-Kriterium), zumindest mein Gehirn wird den Stoff nicht schwallartig los, sondern ist mehrere Wochen mit vergessen beschäftigt (jetzt gerade bin ich z.B. damit beschäftigt, die inhaltlichen Details aus Entwicklungspsychologie zu verdrängen). Außerdem hält „Bulimie-Lernen“ wohl nicht über drei Monate an (C-Kriterium), aber darüber könnte man im Sinne der rhetorisch-künstlerischen Freiheit eher noch hinwegsehen.

Eine weitere lebensnahe Anwendung des Lernstoff dieses Semester ist, dass ich meinem Freund versichern konnte, dass er nicht die Kriterien einer Koffeinabhängigkeit erfüllt. Er trinkt nicht mehr Kaffee als er beabsichtigt (A-Kriterium der Susbtanzabhängigkeit, 3.); er versucht nicht erfolglos, seinen Konsum zu reduzieren (4.);  verliert keine Zeit durch die Beschaffung der Substanz (5.); muss dafür seine Freizeit nicht einschränken (6.) und hat durchs Kaffeetrinken keine anhaltenden körperlichen oder psychische Probleme. Allerdings hat er eine gewisse Toleranz entwickelt (1.) und hat offensichtlich Entzugssymptome, wenn der Morgenkaffee ausfällt (2.), aber für die Diagnose Substanzabhängigkeit müssen drei Kriterien erfüllt sein.

Also doch, immerhin, ja, zumindest etwas hab ich gelernt.

Nach den Prüfungen geht es jetzt in die wohlverdiente vorlesungsfreie Zeit. Wobei vorlesungsfrei nicht mit frei zu verwechseln ist, für die nächsten sechs Wochen bin ich in Berlin zwecks Forschungspraktikum.

Die Kurzbeschreibung meiner Tätigkeit ist, dass ich genau das mache, was ich schon in Leipzig bei meiner Stelle als studentische Hilfskraft gemacht habe, nämlich Daten auswerten. Aber streng genommen ist es natürlich nicht das gleiche, weil ich mit anderen Daten arbeite, hinsichtlich einer anderen Fragestellung, an einem anderen Institut und vor allem mit anderer Software. Ich bin schon ganz wuselig, mit Stata arbeiten zu dürfen statt mit SPSS, aber das gehört wohl eher zu den kleinen Freuden des Lebens, die von außen eher schwer nachzuvollziehen sind.

Die nächsten Wochen werde ich mich dann auch erstmal orientieren müssen, immerhin ist Berlin (zumindest aus meiner Perspektive) riesig. Heute durfte ich mir von einem Verkäufer sagen lassen, dass Leipzig eine Kleinstadt wäre. Leipzig ist fünfundvierzigmal so groß wie mein Heimatdorf. Ein bisschen klein fühle ich mich jetzt schon.

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