Trautes Heim, Glück allein (oder zu zweit)

Der Umzug in unsere neue Wohnung mit Blick auf Hotel Seeblick (allerdings ohne See weit und breit), ist weitestgehend abgeschlossen – das zeigt sich daran, dass wir inzwischen die Luftpolsterfolie weggeräumt haben, die wir nicht ganz unabsichtlich auf allen begehbaren Wegen in unserem Kartonchaos ausgelegt hatten (wer sich damit zufrieden gibt, die von Hand zu zerdrücken, verpasst den größten Spaß!).

Weitestgehend, weil uns immer noch die Küche fehlt, was dramatischer klingt als es ist. Immerhin haben wir schon Kühlschrank, Schränke (mühevoll in die Wand gedübelt), Spüle (mühevoll von Hand angeschlossen),  natürlich den Kaffeevollautomaten und Kochplatten als Übergangsmaßnahme.

Anscheinend lernt man ja gerade unter extremen Stressbelastungen und vor allem beim Zusammenziehen seinen Partner erst richtig kennen. Ich zweifle noch ein bisschen daran, aber vielleicht liegt das daran, dass wir schon vorher praktisch zusammengelebt haben.

In erster Linie habe ich durch den Umzug gelernt, dass mein Freund ohne Internet nicht besonders glücklich ist. Dieses Problem konnten wir dank unserer freundlichen Nachbarn lösen. Von denen wussten wir bis vor kurzem sehr wenig, außer, dass sie sehr um unser Wohl bedacht sind – warum sonst hätten sie sich mitten in der Nacht laut darüber unterhalten, ob sie nicht lieber leiser sein sollten, weil der Lärm uns eventuell stören könnte? Jedenfalls handelt es sich um eine Männer-WG, deren eine Hälfte ich dann früh am Morgen um halb 12 aus dem Bett klingelte. Eventuell bedanken wir uns für die Mitnutzung ihres Internetanschluss mit ein paar Möbeln, jedenfalls sah der Flur so aus, als könnten sie ein paar gebrauchen. Oder mit einem Kasten Bier, sah so aus, als würden die sowas trinken.

Ansonsten habe ich über meine bessere Hälfte gelernt, dass er neben einem Akkuschrauber, einer Bohrmaschine, einer Stichsäge, einem Dremel und einem Lötkolben auch einen Exzenterschleifer besitzt. Ich ließ mir versichern, dass so etwas ganz normale Standardausrüstung ist. Meine bisherige Haushaltsführung war eine einzige Lüge! Glücklicherweise gilt ab jetzt „Wir teilen ALLES“, so dass ich endlich ein zufriedenes Leben mit Akkuschrauber, Bohrmaschine, Stichsäge, Dremel, Lötkolben, Exzenterschleifer und vor allem mit einer riesigen Rolle Luftpolsterfolie führen kann.

Natürlich habe ich unabhängig davon durch den Umzug auch ganz praktische Dinge gelernt: Zum Beispiel viel über das Verhältnis zwischen Dübeln und Altbauwänden (kein besonders gutes) oder über den Sinn Wasserwaage in einer Wohnung, in der weder der Boden horizontal noch die Wände vertikal sind (nicht besonders viel). Eher praktisch ist da die Erkenntnis, dass man sich mit Schleifpapier (2000er) 1-A die Fingernägel auf Hochglanz polieren kann. Leider wohnen wir schon direkt neben einem Nagelstudio, weswegen ich diese Erkenntnis nicht in ein Geschäftskonzept umsetzen werde.

Nun musste ich, weil ich beispielsweise nicht in der Lage bin, eine Spüle selbst anzuschließen, mehrere Wochen mit eher klassischer Arbeitsteilung ertragen, kurze Episoden mit Julia-im-Hulk-Modus mal abgesehen („Du…du kannst das nicht alles auf einmal tragen…Julia…geh lieber zweimal…pass auf…tu dir nicht weh! Oh! OH MEIN GOTT! WOW!”). Als Kompensation habe ich meinen Freund indirekt gezwungen, sich eine pinke Zahnbürste zuzulegen, nämlich indem ich die blaue wählte und er damit auf die einzige Alternative ausweichen musste (das mit dem „Wir teilen ALLES“ ist eher so metaphorisch gemeint). Jetzt darf er jeden Morgen, wenn er merkt, dass er schon wieder nach meiner Zahnbürste greift, über die Farbsymbolik in unserem Kulturkreis reflektieren.

Wenn dann die Küche endlich da ist (d.h. die Spülmaschine und der Herd), kann er auch endlich wieder für mich kochen.

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Nature vs. Nurture vs. Nonsense

Neulich im Seminar wurde ich Zeugin einer beinahe-erhitzten Diskussion zum Thema geschlechterneutrale Erziehung – also beispielsweise zur Frage, ob man darauf achten sollte, dass Kinder nicht nur jeweils geschlechterstereotypes Spielzeug vorgesetzt bekommen. Dabei schien die Mehrheit der Meinung, dass man es mit der Geschlechterneutralität „nicht übertreiben“ sollte und es kam sogar das Argument, dass Geschlechterrollen ja auch ihr Gutes hätten, schließlich bräuchte es ja Mann und Frau zur Fortpflanzung. Dankbarerweise outete sich einer meiner Kommilitonen als heterosexuell trotz intensiver Beschäftigung mit Puppen im Kleinkindalter. Zumindest der Zusammenhang zwischen pinkem Kitsch à la Prinzessin Lillifee und dem Fortbestehen der Menschheit war damit teilweise widerlegt. Nach der Seminarsitzung war mein Gender-Bullshit-Pensum für die Woche eigentlich erfüllt, nicht zuletzt, weil wir gezwungen wurden, Ausschnitte aus einer Hollywood-Komödie mit Madonna anzuschauen.

Weit gefehlt! In der Zeit wurde nämlich ein Artikel zu Genderforschung veröffentlicht, den ich las, weil ich zu spät bemerkte, dass er von Harald Martenstein stammt (nicht, dass man mir hier eine masochistische Tendenz unterstellt) . Die Kurzzusammenfassung lautet, dass es angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt (Testosteron! Evolution! Gehirnhälften!) und dass Genderforscherinnen männerhassende Wissenschaftsfeindinnen sind (so wie die Kreationisten!).

Mal davon abgesehen, dass die Naturwissenschaften offensichtlich nicht Herrn Martensteins Stärke sind – Recht hat er damit, dass gerne Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung herangezogen werden, um Unterschiede zwischen Mann und Frau zu erklären und zu illustrieren.

Als angehende Persönlichkeitspsychologin kann ich da mitspielen! Ich habe eine sehr große Stichprobe (N > 10.000!) ausgewertet und kann bestätigen, dass es signifikante Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt.

Das zeigt sich schon im frühen Kindesalter: Während Mädchen signifikant besser im Leseverständnis sind, punkten Jungs schon im zarten Alter von sieben Jahren höher in einem Mathe-Test. Interessant ist auch die Intelligenzentwicklung: Im Alter von sieben Jahren sind die Mädchen den Jungs überlegen, die dann langsam aufholen und schließlich mit 16 die Mädchen überflügelt haben. Männliche Teenager sind also ihren Altersgenossinnen intellektuell überlegen!

Frauen sind kommunikativer – von wegen Stereotyp! Während Männer von sich selbst behaupten, weniger zu reden, fühlen Frauen sich bedeutend wohler, wenn sie von Mitmenschen umgeben sind. Die soziale Ader zeigt sich auch darin, dass Frauen häufiger Konversationen beginnen, sich mehr um andere Sorgen und ganz generell mehr Interesse an anderen Menschen haben. Männer sind eher Einzelgänger und beleidigen auch eher ihre Mitmenschen, vielleicht auch gar nicht bewusst, denn sie können sich weniger einfühlen.

Frauen sind nicht nur das kommunikative, einfühlsame Geschlecht, sondern auch devoter: Sie mögen es eher als Männer, Befehle zu bekommen. Vielleicht ist das auch besser so, schließlich unterliegen sie auch größeren Stimmungsschwankungen und sind viel schneller gestresst, wie sollten sie da eigenständige Entscheidungen treffen können, gar auch noch in Führungspositionen? Außerdem sind sie auch (nach eigenen Angaben!) eher schwer von Begriff. Und sie sind keine Revoluzzer:  Aus weiblicher Sicht sollten Gesetze selbst dann befolgt werden, wenn sie moralisch falsch sind. Also führen mehr Frauen in der Politik vielleicht gar zu einem Rückschritt in der Entwicklung?

Alle hier berichteten Ergebnisse sind statistisch signifikante Unterschiede (plus dramatisierender Interpretation wie es sich für Wissenschaftsjournalismus gehört, zumindest in Zeit & Co.). Bei den Unterschieden, da ist es doch kein Wunder, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

Das Ganze sieht ein bisschen anders aus, wenn man die Zahlen betrachtet. Der IQ-Unterschied zwischen siebenjährigen Mädels und Jungs, den ich in meiner Stichprobe gefunden habe, beträgt etwa 1,5 IQ-Punkte. Der durchschnittliche IQ liegt bei 100 Punkten und alles im Bereich zwischen 85 und 115 gilt als ebenso durchschnittlich. 1,5 Punkte bedeuten da nicht viel und liegen sogar meist im Messfehlerbereich – das heißt, würde man bei zwei Menschen diesen IQ-Unterschied finden, würde man davon ausgehen, dass der IQ die gleiche Höhe hat.

Bei den anderen „bedeutsamen“ Unterschieden sieht es nicht viel spektakulärer aus. Bei dem Item „Ich finde die Gesellschaft anderer Menschen angenehm“ kreuzten die Frauen auf einer Skala von 1 bis 5 im Schnitt eine 3,97 und die Männer eine 3,77 an. Im Schnitt haben beide angekreuzt, dass sie der Aussage zustimmen. Bei „Ich fühle mit anderen mit“ gibt es immerhin einen Unterschied von fast einem halben Punkt, bei „Ich mag Befehle“ kommen die Männer auf 3,75 und die Frauen auf „stolze“ 3,84. Der Unterschiede bei der Zustimmung zu „Gesetze müssen befolgt werden, selbst wenn sie falsch sind“ liegt in der gleichen Größendimension, die da lautet: Sehr klein. Was bedeutet sehr klein? So klein, dass der Unterschied zwischen zwei zufällig gewählten Männern (oder Frauen, oder einer Frau und einem Mann) in der Regel wesentlich größer ist als der Unterschied zwischen der Durchschnittsantwort der Frauen und der Durchschnittsantwort der Männer. Und als Effekt in der Stärke auch kleiner als der Einkommensunterschied von Männern und Frauen mit gleicher Qualifikation in den gleichen Berufen, aber das nur am Rande.

Natürlich kann man bei diesen kleinen aber signifikanten Unterschieden dann immer noch darüber debattieren, was denn jetzt von Geburt an vorhanden war und was erst durch quietschpinkes Spielzeug und Rennautos sowie stereotype Darstellung in den Medien und natürlich gesellschaftlichen Druck und Erwartungen erzeugt wurde.

(Und das dann auch gerne auf einem fundierteren Niveau als Herr Martenstein.)

Dabei schadet es aber nicht, im Hinterkopf zu behalten, dass es bei Studien nicht nur interessant ist, ob sie einen Unterschied zwischen den Geschlechtern in irgendeinem Merkmal gefunden haben. Wesentlich interessanter ist eigentlich die Frage, ob dieser statistische Unterschied groß genug ist, um dann tatsächlich einen Unterschied im Verhalten zu erzeugen.

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Gesegnet seien die Glücklichen! Und Glücklich die Gesegneten.

Ein Unterschied zwischen Leipzig und Freiburg, wie gestern mein badischer Besucher anmerkte, ist das obligatorische “Tschüssi” zum Abschied gegenüber die obligatorischen “Tschüss” zum Abschied. Ein mindestens genauso signifikanter Unterschied ist, dass man hier nicht den Feiertag benennt, der einem ein verlängertes Wochenende beschert, sondern einfach ein “Schönes Wochenende” wünscht (ohne Zusatz-i). Genau genommen hat mir immerhin eine Person “Frohe Pfingsten” gewünscht, und die kam aus, ihr werdet es schon ahnen, der Nähe von Freiburg.

Ende März hat die Welt Ostdeutschland als die ungläubigste Region der Welt bezeichnet, was vielleicht von der Formulierung her merkwürdig sein dürfte (besteht Deutschland aus zwei Regionen? Oder drei, wenn man Bayern abspaltet?), statistisch aber durchaus korrekt sein kann. Zumindest behaupteten 46,1% der Befragten Ostdeutschen, dass sie nicht an Gott glauben und das auch nie getan haben (gegenüber dem Westen mit 4,9% und weit vor Tschechien mit 26,2%).

Nun wäre die Frage, ob dass die Menschen hier unglücklicher macht. Denn obwohl mich persönlich Kirchenbesuche nie besonders glücklich gemacht haben (entweder mir wurde schwindlig vom Weihrauch oder es war eh eine Beerdigung), gilt die Verbindung zwischen Religiösität und subjektiven Wohlbefinden als gesichert. Und die Richtung des Zusammenhangs ist auch klar: Religiöse Menschen berichten im Schnitt ein höheres Wohlbefinden.

Es gibt verschiedene Ansätze, dass zu erklären, und nicht alle laufen darauf hinaus, dass tatsächlich die Religion oder der religiöse Glaube oder die religiöse Betätigung glücklich machen. Weil es sich bei Studien zum Zusammenhang hier nie um Experimente sondern immer nur um Befragungen mit möglichst guter statistischer Kontrolle (“quasi-experimentelle Untersuchungen”) handelt – viel Erfolg, bei der Ethikkommission mit einer großangelegten Be- oder Entkehrungsaktion durchzukommen – kann man nicht so genau sagen, ob die Wirkrichtung nicht zumindest teilweise auch umgekehrt abläuft: Jemand der glücklich und zufrieden ist, kommt weniger auf die Idee, an Religion zu zweifeln und bleibt eher bei seiner Glaubensgemeinschaft; jemand der depressiv wird “leidet” ja zumindest teilweise auch unter “realistischeren” Einschätzungen seiner Umwelt und würde deswegen vielleicht eher das Ganze als Humbug abtun. Auch Drittvariablen können wie immer eine Rolle spielen, und tatsächlich gab es schon Studien, wo der Zusammenhang zwar erneut in den USA gefunden wurde, nicht aber in den weniger religiösen Niederlanden oder Dänemark – kurzum, zur Mehrheit zu gehören wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus, weil es einfach unkomplizierter ist. Als Veganerin kann ich das bestätigen (deswegen lebe ich für mein subjektives  Wohlbefinden in Leipzig-Süd).

Weil jetzt aber demnächst Pfingsten ist möchte ich natürlich nicht verschweigen, dass es auch andere Erklärungsmöglichkeiten gibt, an denen vermutlich – ohne hier Werbung für Religion machen zu wollen – doch auch was dran ist. Viele Religionen liefern ein halbwegs kohärentes Glaubenssystem mit gewissen Sicherheiten und Kohärenz und Sicherheit sind etwas, was Menschen generell bevorzugen (nur nicht zwangsweise bewusst). Wenn beispielsweise jemand zu mir fies ist, dann kann es helfen, an Karma zu glauben und wenn jemand in meinem Umfeld stirbt, dann hilft es vielleicht, an eine Wiedervereinigung (wahlweise in Himmel oder Hölle) zu glauben. Auch der Ausspruch, dass auf dem Sterbebett alle auf einmal gläubig werden, deutet in die Richtung hin, dass Religion uns helfen kann, mit fundamentalen Ängsten unseres Daseins umzugehen, was ja per se auch nicht schlecht ist (von mir allerdings nicht zwangsweise als “Evidenz” für die Existenz Gottes gewertet werden würde).

Der Effekt von Religion kann aber auch ganz praktischer Natur sein: Zum Beispiel durch einen gesünderen Lebenswandel (in vielen Religionen durch weniger Drogen) oder durch mehr Freiwilligenengagement (was bekannterweise das Wohlbefinden steigert) oder mehr und stabilere soziale Kontakte (Stichwort Gemeinde). Und tatsächlich kam in einer Meta-Analyse, also einer Analyse über mehrere Studien hinweg, heraus, dass es eher die religiösen Aktivitäten sind, die mit dem Wohlbefinden zusammenhängen, als die Religiösität an sich – was hoffentlich niemand ermuntert, seine Kinder gegen ihren Willen in die Kirche zu zerren.

Denn in der gleichen Meta-Analyse kam heraus, dass der Zusammenhang stärker für ältere denn für jüngere Menschen war. Und auch, dass im Verlauf der Zeit der Zusammenhang generell schwächer wird, was zwar ähnlich klingt, allerdings eine etwas andere Bedeutung hat. Diese Meta-Analyse ist von 1985. Es kann also sein, dass viele der Studien, die gerne zitiert werden und ein paar Jahre auf dem Buckeln haben, einen größeren Zusammenhang finden, als er heute existiert. Ob der schrumpfende Zusammenhang jetzt gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters. Es ist aber zumindest beruhigend, dass, wenn es tendenziell weniger religiöse Menschen gibt, deswegen nicht alle unglücklich werden müssen. (Was aber die Kulturpessimisten unter uns kaum glücklich machen wird.)

Letztendlich liefert die Forschung zu Religion und subjektivem Wohlbefinden Ergebnisse, die auch für Atheisten einen Erkenntniswert haben: Weniger Drogen nehmen und sich ehrenamtlich engagieren kann man auch ohne Religionszugehörigkeit. Und auch nichtreligiöse Weltanschauungen wie Humanismus spenden nachweislich Hoffnung und bieten Sicherheit. Was dann zu einer relativ profanen Schlussempfehlung führt: “Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden Sie fettes Essen, lesen Sie gute Bücher, gehen Sie spazieren und versuchen Sie, mit allen Menschen in Frieden zu leben.”

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Am Anfang war die Wohnungssuche

Muttertag ist bekanntlich ein Tag der Besinnung, oder zumindest ein Sonntag und damit freier Tag, also ein Tag mit Zeit zur Besinnung. Eine gute Gelegenheit, um mich auf die Ursprünge meines Blogs zu besinnen: Angefangen habe ich im August 2010. August 2010  Damals war ich noch jung, naiv, noch voller Träume! Oder zumindest zweieinhalb Jahre jünger als jetzt, was immerhin ein Zehntel meines bisherigen Lebens ist. Aber wir sind jetzt ja nicht hier für irgendwelchen Mittelstufen-Mathetextaufgaben.

Mein Blog hat begonnen mit drei Einträgen zur Wohnungssuche in München. Jetzt bin ich auf Wohnungssuche in Leipzig und vermutlich brauche ich dafür nur einen Blogeintrag. Weil die Wohnungssuche in Leipzig ja vergleichsweise so supereasy ist.

Dachten wir zumindest.

Vielleicht waren mein Freund und ich aber auch naiv, dass wir dem Makler vertraut hatten. Vielleicht waren wir naiv, anzunehmen, dass er uns darüber informiert, dass wir auf einmal nicht mehr die einzigen Interessenten für die Wohnung sind. Vielleicht waren wir naiv, anzunehmen, dass wir die Wohnung sicher hätten, nur weil wir mit Abstand die ersten waren und schon längst unsere Unterlagen eingereicht hatten.

Also haben wir uns letzte Woche nach einem durchaus erfrischenden Adrenalinkick nochmal auf Wohnungsbesichtigungstour begeben und drei potentielle Kandidaten ausgemacht. Es gibt jetzt drei weitere Hausverwaltungen in Leipzig, die sehr viel über uns wissen. Wirklich erstaunlich viel. Also beispielsweise, wieviel wir verdienen, ob uns unsere Möbel gehören und ob ich mich in meiner letzten Wohnung anständig benommen habe. Das hab ich auch definitiv, bloß frag ich mich, inwiefern dass die Hausverwaltung was angehen würde und inwiefern es nicht irgendwie entwürdigend ist, sich als halbwegs erwachsener Mensch bescheinigen lassen zu müssen, dass man brav war – und das gegenüber jemandem, dem man monatlich Geld überweisen wird. Als dann noch ein Einkommensnachweis von meinem Bürgen gefordert wurde, hatte ich das Gefühl, das erste Mal Opfer von Racial Profiling geworden zu sein.

Aber vermutlich bilde ich mir das auch nur ein und überhaupt, gegen Hausverwaltungen kann man nichts sagen. Ein Bekannter von mir hier hatte zum Beispiel eine sehr nette Hausverwaltung, die es über ein Jahr lang versäumt hat, einen Mietvertrag mit seiner WG aufzusetzen. Auch meine Hausverwaltung hier hat sich als sehr kompetent erwiesen, nachdem es nur etwa fünf Telefonate und einen halben Nervenzusammenbruch gebraucht hat, bis man mir geglaubt hat, dass es tatsächlich ein Problem mit der Steigleitung gibt und dass das nicht nur in meinem Kopf existiert hat.

Wenn alles glatt läuft, wird der nächste Blogeintrag in unserer neuen Wohnung entstehen, aber vielleicht ist das auch etwas zu optimistisch gedacht angesichts meiner Erfahrungen mit Telefon- und Internetanschlüssen. Also vielleicht auch nicht, in dem Fall würde ich euch, falls euch langweilig wird, auf opendata-bundestag.de verweisen, wo ihr nachschauen könnt, aus was für merkwürdigen Quellen die Mitglieder des Bundestags ihre Nebeneinkünfte beziehen. Schaut mal bei Steinbrück nach, ich war wirklich überrascht, wieviele “Redneragenturen” es gibt und was für unseriöse Namen die teilweise tragen. Wobei ich nicht behaupten möchte, dass Redneragenturen weniger oder mehr seriös als Makler (oder Mitglieder des Bundestags) sind.

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Auf ganzheitlicher Linie versagt

Am Montag lief im Bayrischen Fernsehen eine etwas, sagen wir mal, tendenziöse Sendung zum Thema Homöopathie. Diese Sendung als tendenziös zu bezeichnen, ist vielleicht auch wieder tendenziös, aber zumindest erwarte ich von einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht solche Begriffe wie “Schulmedizin” zu hören, die Akademikerfeindlichkeit widerspiegeln, und auch nicht implizit suggeriert zu bekommen, dass Globuli Krebs heilen könnten.

(Inzwischen hat der BR auch eine Stellungnahme dazu veröffentlicht)

Häufig wird an der Homöopathie sowohl ihre theoretische Grundlage als auch die mangelnde Belege der Wirksamkeit über die Placeboeffekt hinaus. Zu ersterem Kritikpunkt werden dann irgendwelche Forschungsergebnisse von Quantenphysikern herangezogen, zu zweiterem werden methodisch fragwürdige Studien oder anekdotische Evidenz herangezogen. Dann distanzieren sich die Quantenphysikern von der Interpretation ihrer Arbeit durch Homöopathen und Kritiker führen anekdotische Evidenz für die Unwirksamkeit an. Mein Freund hat sich mal seinen Kaffee mit hochpotenzierten Arnika-Globuli gesüßt und lebt noch, als Lactoseintolerante bin ich leider von solchen Experimenten ausgeschlossen. Gegen Lactoseintoleranz (die in meinem Fall vermutlich mit meinen asiatischen Vorfahren zu tun haben wird) soll übrigens verdünnte Kohle, Carbo vegetabilis, wirken.

Solche Diskussion – egal, ob im Internet, im Radio oder auf einer Party geführt – können den Cortisolspiegel ganz schön hochtreiben (bei Stress: Acidum Phosphoricum, Cocculus, Kalium Phosphoricum, Silicea Terra). Deswegen möchte ich hier, der Gesundheit meiner Leserinnen und Leser zuliebe, lieber auf eine andere Frage eingehen: Ist Homöopathie eigentlich ganzheitlich?

Ganzheitliche Medizin ist per Definition eine Medizin, die den Menschen nicht nur als Körper betrachtet. Sie schreibt nicht nur der Psyche Bedeutung zu, sondern auch der Einbettung jedes Menschen in ein System, soll heißen: seinen Mitmenschen und auch der ihn umgebenden Natur. Davon abgesehen, dass der Begriff gerne im esoterisch angehauchten Bereich verwendet wird, ist das eine sehr vernünftige Sache und bestimmt auch nichts, was der modernen “Schulmedizin” widerspricht. Das Aufkommen von Gesundheitspsychologie, Medizinpsychologie und Medizinsoziologie sind dafür deutliche Zeichen und allen Beunruhigten darf ich versichern, dass selbst im universitären Psychologiestudium (so Mainstream!) kein Menschenbild des mechanisch funktionierenden, isolierten Individuums vermittelt wird.

Ist die Homöopathie den nun eine ganzheitliche Medizin?

Eine homöopathische Behandlung beginnt mit einer Anamnese, also einer Erfassung der Leidensgeschichte und der persönlichen Erfahrung. Hier geht es nicht nur um körperliche Symptome, sondern natürlich ebenso um psychische wie die Emotionen des Patienten und  auch beispielsweise die Familiengeschichte. Das Ganze geschieht im Idealfall überaus gründlich und dauert bis zu drei Stunden. Hier kann man also durchaus von einem ganzheitlichen Vorgehen sprechen (auch wenn eine saubere, umfassende Anamnese ebenso zu den Aufgaben eines “Schulmediziners” gehört).

Als nächstes folgt die Ausarbeitung: Der Homöopath sucht unter Beachtung der prägnantesten Symptome eines von über 2.000 passenden homöopathischen Arzneimitteln aus. Die nimmt dann der Patient. Dabei entstehende Fragen beantwortet er geduldig in ausführlichen Gesprächen. Dem Patienten zuzuhören und auf ihn einzugehen ist durchaus löblich, wichtig und vermutlich etwas, was in unserem Gesundheitssystem vernachlässigt wird. Das ist dann aber noch nicht automatisch Ganzheitlichkeit. Im Gegenteil: Die Verabreichung eines homöopathischen Arzneimittels ist immer noch zentraler Bestandteil der Behandlung. Eigentlich ist das doch merkwürdig – wenn man der Psyche und dem sozialen Umfeld einen so großen Einfluss auf das Krankheitsgeschehen zuspricht, warum brauchen wir dann immer noch in jedem Fall ein Arzneimittel?

Die zynische Antwort wäre, dass man so den Placeboeffekt nutzt (der Placeboeffekt im engeren Sinne bezieht sich immer auf Arzneimittel, im erweiterten Sinne kommt er bei jeder Behandlungsform zum Tragen). Die aus meiner Sicht adäquate: Was bleibt von einer homöopathischen Behandlung, wenn man Globuli und Co. streicht? Eine intime Situation, in der sich eine als kompetent wahrgenommene Person (mit Abschlüssen egal welcher Art, egal, Hauptsache irgendein Abschluss als anerkannter XYZ) den Sorgen und Beschwerden und Ängsten und Nöten einer anderen annimmt. Irgendwas in Richtung einer ausführlichen psychologische Beratung oder gar einer Psychotherapie. Jedenfalls keine homöopathische Behandlung im heutigen Sinne mehr.

Damit die Homöopathie ernsthaft ganzheitlich wäre, müsste sie anerkennen, dass genau das ihre größte Stärke ist. Um die unspezifischen Wirkfaktoren nach J. Frank ins Feld zu führen: Die enge Beziehung zwischen Behandelndem und Behandeltem, die besondere Situation in der Praxis, die eventuell noch mit “spirituellen” Symbolen ausgeschmückt ist, der ritualhafte Charakter mit möglichst regelmäßigen Nachuntersuchungen und manchmal auch die Attribution*, wo die Symptome auf Ursachen zurückgeführt werden, wirken sich positiv auf psychische und körperliche Gesundheit aus.

Wäre die Homöopathie ernsthaft ganzheitlich, wäre die Frage, ob homöopathische Arzneimittel nicht einfach nur reine Placebos sind, auch gar kein Angriff mehr: Nachzuweisen, dass ein Homöopath ganz ohne Hokus Pokus und überteuerte Hilfsmittel Erkrankungen lindern kann, wäre ein Sieg. Der rein statistisch unwahrscheinliche Fall, dass man doch noch die Wirksamkeit der Arzneimittel bestätigt, natürlich ebenso.

Das es aber soweit kommt, ist eher unwahrscheinlich, denn bis auf die homöopathische Anamnese müsste man die Mehrheit seiner Grundsätze über Bord werfen und sich eher bei der Psychologie denn bei der Medizin platzieren. Tief im Herzen ist die Homöopathie genau das, was sie der “Schulmedizin” vorwirft: verstaubt und nicht mehr zeitgemäß.

*Fun Fact Thema Attribution: Homöopathen führen häufig an, dass sie im Gegensatz zu “Schulmedizinern” die Ursachen statt die Symptome angreifen würden. Schän wär’s. Hierzu Hahnemann, Gründervater der Homöopathie: “Zwei tausend Jahre wurden von den Aerzten verschwendet, um die unsichtbaren innern Veränderungen des Körpers bei den vorkommenden Krankheiten, ihre nächste Ursache und das apriorische Wesen derselben zu ergrübeln, weil sie wähnten, nicht eher heilen zu können, bis sie diese unmögliche Kenntniss ergrübelt hatten.” Homöopathische Arzneimittel werden passend zu den Symptomen ausgesucht.

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Kontrasteffekt

An langweiligen Sonntagen kommt man manchmal auf gute Ideen (wie z.B. sein Blog zu pflegen), manchmal aber auch auf schlechte.

In zweite Kategorie fällt wohl mein spontaner Einfall, den Eyeliner zu testen, den ich letztes Jahr beim Wichteln erstehen konnte. Es handelte sich um die “Diamond Edition” des “Dip Eyeliners” den ein Kommilitone von mir meines Wissens der Unicum-Tüte entnommen hatte. Mit Schminke konnte ich mich nie wirklich anfreunden, und eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber wie gesagt, es war ja auch eine schlechte Idee. Ich kann nämlich seit meinem 13. Lebensjahr nur einen Look zuverlässig reproduzieren: Schmeichelhaft ausgedrückt habe ich mit Make-up eine gewisse Ähnlichkeit mit Bérénice Marlohe in Skyfall in einer spezifischen Szene. Unschmeichelhaft ausgedrückt ist es der Look einer ostasiatischen, crackabhängigen, emotional labilen Prostituierten.

Nachdem ich die Blamage abgewaschen habe, und mir die Vorstellung von mir selbst mit betörenden Katzenaugen ein für alle mal, ha, abgeschminkt habe, möchte ich jetzt eine meiner besseren Ideen umsetzen und über eine Studie zur Wahrnehmung des Alters bloggen. Rein zufällig hat sie was mit Make-up zu tun!

Einer Studie zufolge die letzten Monate publiziert wurde könnte der Kontrast im Gesicht die entscheidende Größe sein, wenn wir das Alter von Menschen einschätzen. Genauer gesagt das Alter von Frauen, oder noch genauer gesagt das Alter von hellhäutigen Frauen, denn nur das wurde in dieser Studie untersucht.

Im ersten Teil untersuchten die Forscherinnen und Forscher die Kontraste in Gesichtern von Frauen verschiedenen Alters. Hier zeigte sich, dass mit zunehmendem Alter die Kontraste zwischen Augenbrauen, Mund und Augen zur jeweils umliegenden Haut abnahmen. Was wiederum Grundlage für Studie 2 war.

Hier wurden mal wieder Studenten verpflichtet (Überraschung!), die nun anhand von 150 Fotos die schon in der ersten Studie verwendet wurden das Alter der abgebildeten, ungeschminkten Frauen schätzen sollte. Die schlechte Nachricht: Im Schnitt überschätzten die Probanden das Alter der Frauen um 2,8 Jahre. Die gute Nachricht: Der Gesichtskontrast korrelierte negativ mit dem geschätzten Alter. Halt moment! Das ist gar keine gute Nachricht. Das bedeutet einfach nur, dass die Frauen mit höheren Gesichtskontrasten, die in der Regel auch jünger waren (siehe Studie 1) auch für jünger eingeschätzt wurden. Daraus kann man noch nicht so richtig was schlußfolgern, außer vielleicht, dass ältere Menschen als älter aussehend wahrgenommen werden. Deswegen dann, ta-da: Studie 3.

Dafür mussten dann nochmal andere Studenten ran, die erneut anhand von Fotos das Alter von Frauen schätzen sollten. Diesmal wurden die Bilder aber vorher manipuliert: Der Kontrast zwischen der Augenpartie, den Augenbrauen und dem Mund zur jeweils umliegenden Haut wurde künstlich erhöht oder vermindert. Der Effekt war ziemlich verblüffend: Gesichter mit dem verringerten Kontrast sahen auf der Stelle als Ganzes ungesünder aus. Und jetzt doch eine gute Nachricht: Bei den Fotos, bei denen der Kontrast erhöht wurde, schätzten auf einmal 93% der Probanden die Frauen jünger ein, als sie tatsächlich waren. Der Effekt trat in allen Altersgruppen auf, sowohl Frauen um die zwanzig als auch Mitfünfzigerinnen “profitierten” von den Photoshopfähigkeiten der Forscher. Zur Erinnerung: Im Normalzustand wurden sie im Schnitt als fast 3 Jahre älter wahrgenommen!

Daraus folgt die praktische Anweisung für alle Frauen, die jünger aussehen wollen: Kontrastmaximierung! Das erklärt auch den außerordentlichen Erfolg von rotem Lippenstift, von Abdeckstiften für dunkle Augenringe und auch vom berüchtigten schwarzen Eyeliner. Und es erklärt vielleicht auch, warum sich hautfarbener Lippenstift genau so wenig durchgesetzt hat wie das Bleichen der Augenbrauen. Gerade Schneewittchen hat mit ihrer Haut weiß wie Schnee und ihren Lippen rot wie Blut alles richtig gemacht.

Andererseits war Schneewittchen auch verdammt jung und ihre Schönheit wurde schon im zarten Jugendalter mit der ihrer Stiefmutter verglichen. Irgendwie ist der Gedanke dann auch wieder unheimlich. Warum sollte man sich für siebenjährige Königstöchter interessieren? Die Hypersexualisierung (blut-)junger Mädchen wäre vielleicht auch mal in einen Blogeintrag wert. Bis dahin komm ich mit meinen drei Jahren mehr auf dem wahrgenommenen Buckel ganz gut klar.

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(K-) Rasse Komplimente

Neulich bin ich über einen netten Artikel aus dem Journal of Personality and Social Psychology gestoßen. Erst wollte ich darüber bloggen, dann habe ich es in meinem Kopf ein bisschen nach hinten verschoben, dann fand ich das Thema nicht mehr so spannend und dann war ich zu faul.

Gestern dann jedoch – ich lief gerade an dem Fitness-Studio vorbei, das auf dem Weg von meiner Wohnung zur Cupcakery meines Vertrauens liegt – sprach mich ein junger Mann in sportlichen Klamotten an, ob ich nicht mal Lust auf ein Probetraining hätte. Ich unterhielt mich ein wenig mit ihm, weniger, weil ich ernsthaft Interesse daran hätte, im Erdgeschoss direkt hinter einer Glasfassade lächerlich aussehende Übungen zu machen, während meine Muskeln mit niedriger Frequenz elektrisch stimuliert werden, als wegen meiner Erfahrung, wie nervig es ist, irgendwo rumzustehen, und den Vorbeilaufenden etwas andrehen zu wollen (z.B. Hochschulzeitungen). Als ich weiter gehen musste, meinte er, er müsse mir jetzt einfach noch ein Kompliment machen, und bei mir gingen schon die Alarmglocken an – welche Art von Komplimenten macht man Menschen, die man überzeugen möchte, dass ihr Körper in einem Zustand ist, der es rechtfertigt, 20 Euro pro Stunde in ein bisschen mehr Hinternmuskulatur zu investieren? „Du hast ein echt hübsches Gesicht, das noch besser zur Geltung kommen würde, wenn du 5 Kilogramm abnimmst!“ oder vielleicht „Deine Waden sehen aus, als hätten sie Potential“?

Es kam dann aber ganz anders.

Der junge Mann wollte mir ein Kompliment für meine Rasse [sic] machen: Chinesen wären die besten deutschen Bürger, schließlich würde man nie in den Nachrichten hören, dass sie irgendwen ausgeraubt hätten. Vermutlich habe ich ihn in dem Moment ein bisschen erschrocken angeschaut (und vermutlich wurde das nicht besser, als er hinter schob, dass das ja in der Regel Türken und Araber [sic] wären). Ich warf ein, dass ich nur Halbchinesin wäre, aber er meinte, dass ich das ja dann trotzdem in den Genen hätte. Immer noch ein bisschen irritiert verabschiedete ich mich und setzte meine untrainierten Beine wieder in Bewegung.

In „When Compliments Fail to Flatter: Amercian Individualism and Responses to Positive Stereotypes” geht es um Reaktionen auf Komplimente, die auf positive Vorurteilen basieren. Wie der Titel schon verrät sind die Ergebnisse wie immer in ihrer Reichweite beschränkt, aber dreisterweise werde ich jetzt einfach mal davon ausgehen, dass der amerikanische Individualismus dem unseren nicht so unähnlich ist, dass sich die Vorzeichen der Befunde auf einmal umdrehen müssten.

Von einigen Freiwilligen, die in Asien, Afrika oder Südamerika unterwegs waren, hört man, dass sie von Zeit zu Zeit schmeichelhaften Stereotypen über Europäern, Amerikanern oder weißen generell über den Weg gelaufen sind. Dinge wie „Ihr seid so viel fleißiger/klüger (als wir).“ Soweit muss man aber gar nicht für positive Vorurteile reisen: Frauen gelten hierzulande häufig als emotional wärmer und sozial kompetenter. Schwarze sind die besseren Sportler (schaut euch doch mal Usain Bolt an!) und Asiaten klüger (und besser in Mathe) oder fleißiger (und Virtuose, sobald man sie vor irgendein Instrument setzt).

Während negative Stereotype ganz offensichtlich problematisch sind, ist das beim positiven Pendant als Spielart des Alltagrassismus etwas diffiziler – hey, ist doch nur nett gemeint! Aber mal abgesehen von den Intentionen des Senders ist es interessant, was beim Empfänger passiert.

John Oliver Siy und Sapna Cheryan von der University of Washington haben untersucht, wie Menschen jene bewerten, die sie mit als Kompliment verpackten positiven Stereotypen konfrontieren. Dafür haben sie fünf Studien durchgeführt, in denen Reaktionen von Frauen („So kooperativ!“) und vor allem Asiaten (in den USA oder im Ausland geboren; „Mensch, so fleißig! Und gut in Mathe!“) erhoben wurden.

In der ersten Studie wurden beispielsweise 40 in den USA geborene Asiaten (sorry für die Formulierung, wenn mir jemand eine griffigere anbietet, übernehme ich die gerne) unter einem Vorwand („Studie zu Arbeitsstilen“) ins Labor gelockt. Hier sollten sie, mit einem angeblichen anderen Teilnehmer (in Wirklichkeit war diese Person eingeweiht), eine Reihe von Mathematik- und Englischaufgaben lösen. Es wurde eine Münze geworfen und, oh Wunder, immer der andere „Teilnehmer“ durfte die Aufgaben aufteilen. Dann bekam immer die asiatische Versuchsperson die Matheaufgaben zugeteilt, aber nur in der Versuchsbedingung mit den Worten „Ich weiß, dass alle Asiaten gut sind in Mathe, also kannst du die da nehmen und ich mache den anderen Stapel.“ In einer Kontrollbedingung hieß es einfach nur „Wie wär’s wenn du die da machst, ich werde an denen hier arbeiten.“

Danach wurde eine ganze Reihe von Fragebögen ausgefüllt, unter anderem dazu, wie kooperativ der andere Teilnehmer wirkte und wie sehr man das Gefühl hatte, vom anderen auf seine Herkunft/sein Geschlecht/seinen Soziale Klasse reduziert zu werden. Außerdem wurden sie zu ihrer Gefühlslage befragt.

Die Probanden, die das vermeintliche Kompliment gehört hatten, empfanden mehr negative Emotionen, fühlten sich stärker depersonalisiert, also weniger als Individuum wahrgenommen und bewerteten den anderen „Teilnehmer“ insgesamt negativer. Gerade das letzte Ergebnis wird dadurch verstärkt, dass wir in der Regel Personen, die uns Komplimente machen, als positiver wahrnehmen – das unterstützt die Wirkung des Bauchpinselns. Das ging in diesem Fall offensichtlich kräftig nach hinten los. Die negativeren Wertungen des anderen ließen sich daraus vorhersagen, wie stark sich der Versuchsperson depersonalisiert fühlte. In einer weiteren Studie wurde zusätzlich ausgeschlossen, dass die negative Wertung dadurch zustande kam, dass in der Versuchsbedingung die andere Person als rassistischer wahrgenommen wird.

Außerdem untersuchten die Forscher, ob dieser Effekt davon abhängt, ob die Teilnehmer in den USA oder in Asien geboren waren. Tatsächlich verschwand der Effekt für die in Asien geborenen Asiaten (okay, ich brauche wirklich eine andere Formulierung, das klingt dämlich). Eine mögliche Interpretation ist, dass durch das Aufwachsen in den besonders stark individualistisch orientierten USA das „in einen Topf geworfen werden“ als bedrohlicher wahrgenommen wird.

Ehrlich gesagt bin ich kein besonders großer Fan von Studien, die auf die Betonung der Unterschiede zwischen „individualistischen“ und „kollektivistischen“ Gesellschaften abzielen, deswegen freue ich mich darüber, dass die Forscher noch eine fünfte Studie durchgeführt haben. Hier waren wieder alle Teilnehmer US-Asiaten (bessere Formulierung?), diesmal war es ein zweigestuftes Versuchsdesign. In der ersten „Stufe“ sollte die eine Hälfte darüber nachdenken, was sie von ihren Freunden und ihrer Familie unterscheidet („individualistisch“); die andere Hälfte wurde angewiesen, über Gemeinsamkeiten mit Freunden und Familie nachzudenken („kollektivistisch“). In der zweiten „Stufe“ bekam dann jeweils aus beiden Gruppen die eine Hälfte eine positive Stereotypisierung („Ihr Asiaten arbeitet so hart“) oder ein persönliches Kompliment („Du arbeitest so hart“) zu hören. Allein durch das Priming in der ersten Stufe, also die Aufforderung, sich selbst in einen gewissen Kontext zu setzen, zeigte Folgen: Hatten die Teilnehmer zuvor darüber nachgedacht, was sie einzigartig macht, bewerteten sie die positive Stereotypisierung besonders negativ. Wie wir auf Depersonalisierung reagieren hängt also nicht nur davon ab, wo wir herkommen, sondern auch von unserer momentanen Stimmung und worüber wir gerade nachgedacht haben.

Alles in allem sprechen diese Studien dafür, dass man sich keine Freunde damit macht, wenn man Menschen mit positiven Stereotypen schmeicheln möchte. Eher verschlechtert man damit ihre Laune und die Meinung, die sie sich über ihr Gegenüber bildet. Die positive Randbemerkung ist aber, dass persönliche Komplimente tatsächlich auch positiv wirken können.

Hätte also der freundliche junge Mann vom Fitnessstudio etwas gesagt wie „Ich finde es toll, dass du niemanden ausraubst“, dann –, nein halt, streicht das. Es war in jedem Fall ein doofes Kompliment.

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