Neulich bin ich über einen netten Artikel aus dem Journal of Personality and Social Psychology gestoßen. Erst wollte ich darüber bloggen, dann habe ich es in meinem Kopf ein bisschen nach hinten verschoben, dann fand ich das Thema nicht mehr so spannend und dann war ich zu faul.
Gestern dann jedoch – ich lief gerade an dem Fitness-Studio vorbei, das auf dem Weg von meiner Wohnung zur Cupcakery meines Vertrauens liegt – sprach mich ein junger Mann in sportlichen Klamotten an, ob ich nicht mal Lust auf ein Probetraining hätte. Ich unterhielt mich ein wenig mit ihm, weniger, weil ich ernsthaft Interesse daran hätte, im Erdgeschoss direkt hinter einer Glasfassade lächerlich aussehende Übungen zu machen, während meine Muskeln mit niedriger Frequenz elektrisch stimuliert werden, als wegen meiner Erfahrung, wie nervig es ist, irgendwo rumzustehen, und den Vorbeilaufenden etwas andrehen zu wollen (z.B. Hochschulzeitungen). Als ich weiter gehen musste, meinte er, er müsse mir jetzt einfach noch ein Kompliment machen, und bei mir gingen schon die Alarmglocken an – welche Art von Komplimenten macht man Menschen, die man überzeugen möchte, dass ihr Körper in einem Zustand ist, der es rechtfertigt, 20 Euro pro Stunde in ein bisschen mehr Hinternmuskulatur zu investieren? „Du hast ein echt hübsches Gesicht, das noch besser zur Geltung kommen würde, wenn du 5 Kilogramm abnimmst!“ oder vielleicht „Deine Waden sehen aus, als hätten sie Potential“?
Es kam dann aber ganz anders.
Der junge Mann wollte mir ein Kompliment für meine Rasse [sic] machen: Chinesen wären die besten deutschen Bürger, schließlich würde man nie in den Nachrichten hören, dass sie irgendwen ausgeraubt hätten. Vermutlich habe ich ihn in dem Moment ein bisschen erschrocken angeschaut (und vermutlich wurde das nicht besser, als er hinter schob, dass das ja in der Regel Türken und Araber [sic] wären). Ich warf ein, dass ich nur Halbchinesin wäre, aber er meinte, dass ich das ja dann trotzdem in den Genen hätte. Immer noch ein bisschen irritiert verabschiedete ich mich und setzte meine untrainierten Beine wieder in Bewegung.
In „When Compliments Fail to Flatter: Amercian Individualism and Responses to Positive Stereotypes” geht es um Reaktionen auf Komplimente, die auf positive Vorurteilen basieren. Wie der Titel schon verrät sind die Ergebnisse wie immer in ihrer Reichweite beschränkt, aber dreisterweise werde ich jetzt einfach mal davon ausgehen, dass der amerikanische Individualismus dem unseren nicht so unähnlich ist, dass sich die Vorzeichen der Befunde auf einmal umdrehen müssten.
Von einigen Freiwilligen, die in Asien, Afrika oder Südamerika unterwegs waren, hört man, dass sie von Zeit zu Zeit schmeichelhaften Stereotypen über Europäern, Amerikanern oder weißen generell über den Weg gelaufen sind. Dinge wie „Ihr seid so viel fleißiger/klüger (als wir).“ Soweit muss man aber gar nicht für positive Vorurteile reisen: Frauen gelten hierzulande häufig als emotional wärmer und sozial kompetenter. Schwarze sind die besseren Sportler (schaut euch doch mal Usain Bolt an!) und Asiaten klüger (und besser in Mathe) oder fleißiger (und Virtuose, sobald man sie vor irgendein Instrument setzt).
Während negative Stereotype ganz offensichtlich problematisch sind, ist das beim positiven Pendant als Spielart des Alltagrassismus etwas diffiziler – hey, ist doch nur nett gemeint! Aber mal abgesehen von den Intentionen des Senders ist es interessant, was beim Empfänger passiert.
John Oliver Siy und Sapna Cheryan von der University of Washington haben untersucht, wie Menschen jene bewerten, die sie mit als Kompliment verpackten positiven Stereotypen konfrontieren. Dafür haben sie fünf Studien durchgeführt, in denen Reaktionen von Frauen („So kooperativ!“) und vor allem Asiaten (in den USA oder im Ausland geboren; „Mensch, so fleißig! Und gut in Mathe!“) erhoben wurden.
In der ersten Studie wurden beispielsweise 40 in den USA geborene Asiaten (sorry für die Formulierung, wenn mir jemand eine griffigere anbietet, übernehme ich die gerne) unter einem Vorwand („Studie zu Arbeitsstilen“) ins Labor gelockt. Hier sollten sie, mit einem angeblichen anderen Teilnehmer (in Wirklichkeit war diese Person eingeweiht), eine Reihe von Mathematik- und Englischaufgaben lösen. Es wurde eine Münze geworfen und, oh Wunder, immer der andere „Teilnehmer“ durfte die Aufgaben aufteilen. Dann bekam immer die asiatische Versuchsperson die Matheaufgaben zugeteilt, aber nur in der Versuchsbedingung mit den Worten „Ich weiß, dass alle Asiaten gut sind in Mathe, also kannst du die da nehmen und ich mache den anderen Stapel.“ In einer Kontrollbedingung hieß es einfach nur „Wie wär’s wenn du die da machst, ich werde an denen hier arbeiten.“
Danach wurde eine ganze Reihe von Fragebögen ausgefüllt, unter anderem dazu, wie kooperativ der andere Teilnehmer wirkte und wie sehr man das Gefühl hatte, vom anderen auf seine Herkunft/sein Geschlecht/seinen Soziale Klasse reduziert zu werden. Außerdem wurden sie zu ihrer Gefühlslage befragt.
Die Probanden, die das vermeintliche Kompliment gehört hatten, empfanden mehr negative Emotionen, fühlten sich stärker depersonalisiert, also weniger als Individuum wahrgenommen und bewerteten den anderen „Teilnehmer“ insgesamt negativer. Gerade das letzte Ergebnis wird dadurch verstärkt, dass wir in der Regel Personen, die uns Komplimente machen, als positiver wahrnehmen – das unterstützt die Wirkung des Bauchpinselns. Das ging in diesem Fall offensichtlich kräftig nach hinten los. Die negativeren Wertungen des anderen ließen sich daraus vorhersagen, wie stark sich der Versuchsperson depersonalisiert fühlte. In einer weiteren Studie wurde zusätzlich ausgeschlossen, dass die negative Wertung dadurch zustande kam, dass in der Versuchsbedingung die andere Person als rassistischer wahrgenommen wird.
Außerdem untersuchten die Forscher, ob dieser Effekt davon abhängt, ob die Teilnehmer in den USA oder in Asien geboren waren. Tatsächlich verschwand der Effekt für die in Asien geborenen Asiaten (okay, ich brauche wirklich eine andere Formulierung, das klingt dämlich). Eine mögliche Interpretation ist, dass durch das Aufwachsen in den besonders stark individualistisch orientierten USA das „in einen Topf geworfen werden“ als bedrohlicher wahrgenommen wird.
Ehrlich gesagt bin ich kein besonders großer Fan von Studien, die auf die Betonung der Unterschiede zwischen „individualistischen“ und „kollektivistischen“ Gesellschaften abzielen, deswegen freue ich mich darüber, dass die Forscher noch eine fünfte Studie durchgeführt haben. Hier waren wieder alle Teilnehmer US-Asiaten (bessere Formulierung?), diesmal war es ein zweigestuftes Versuchsdesign. In der ersten „Stufe“ sollte die eine Hälfte darüber nachdenken, was sie von ihren Freunden und ihrer Familie unterscheidet („individualistisch“); die andere Hälfte wurde angewiesen, über Gemeinsamkeiten mit Freunden und Familie nachzudenken („kollektivistisch“). In der zweiten „Stufe“ bekam dann jeweils aus beiden Gruppen die eine Hälfte eine positive Stereotypisierung („Ihr Asiaten arbeitet so hart“) oder ein persönliches Kompliment („Du arbeitest so hart“) zu hören. Allein durch das Priming in der ersten Stufe, also die Aufforderung, sich selbst in einen gewissen Kontext zu setzen, zeigte Folgen: Hatten die Teilnehmer zuvor darüber nachgedacht, was sie einzigartig macht, bewerteten sie die positive Stereotypisierung besonders negativ. Wie wir auf Depersonalisierung reagieren hängt also nicht nur davon ab, wo wir herkommen, sondern auch von unserer momentanen Stimmung und worüber wir gerade nachgedacht haben.
Alles in allem sprechen diese Studien dafür, dass man sich keine Freunde damit macht, wenn man Menschen mit positiven Stereotypen schmeicheln möchte. Eher verschlechtert man damit ihre Laune und die Meinung, die sie sich über ihr Gegenüber bildet. Die positive Randbemerkung ist aber, dass persönliche Komplimente tatsächlich auch positiv wirken können.
Hätte also der freundliche junge Mann vom Fitnessstudio etwas gesagt wie „Ich finde es toll, dass du niemanden ausraubst“, dann –, nein halt, streicht das. Es war in jedem Fall ein doofes Kompliment.